Hoffen über alle Hoffnung hinaus
Frère Matthew
Viele junge Menschen, denen ich in Taizé und andernorts* begegne, sind in ihrem Alltag mit einer harten Wirklichkeit konfrontiert. Wenn ich ihnen zuhöre, frage ich mich oft, wie sie die Kraft finden weiterzumachen. Bei Menschen, die in Kriegsgebieten leben, drängt sich mir diese Frage besonders stark auf.
Woher kommt ihre Widerstandskraft und ihr Durchhaltevermögen in schier ausweglosen Situationen? Beim Zuhören wurde mir klar, dass das Vertrauen auf Gott Glaubende befähigt, Hoffnung zu nähren. Und durch die Auferstehung Jesu wächst die Gewissheit, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.
Das Vertrauen auf die Auferstehung gibt Hoffnung, dass nicht alles in Erschöpfung endet. Wir sind zu mehr berufen. Diese Hoffnung wollten junge Menschen mit mir teilen, eine Hoffnung, die über alle Hoffnung hinausgeht, die darauf baut, dass neues Leben entsteht, wo alles verloren zu sein scheint.*
Maria singt voller Lob und Hoffnung: „Gott vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“ (Lukas 1,51–53) Ja, wagen wir es, mit Maria zu singen und dafür zu beten, dass sich die Situation ändert. Auch wenn Gott zu schweigen scheint, kann sich plötzlich ein Weg auftun.*
Tun wir dabei alles in unserer Macht stehende – so wenig es auch sein mag – und setzen wir Zeichen der Solidarität mit Menschen, die um uns herum unter Not und Krieg leiden oder die ihr Land verlassen mussten. Finden wir nicht gerade darin eine Hoffnung über alle Hoffnung hinaus?
Die folgenden Überlegungen gehen auf Begegnungen und Gespräche zurück, die ich im vergangenen Jahr mit jungen Menschen aus Kriegs- und Konfliktgebieten führen konnte. Ich bin allen dankbar, die uns ihre Gedanken und Erfahrungen mitgeteilt haben, und auch unseren jungen Brüdern, deren umsichtige Bemerkungen alles in einen sinnvollen Zusammenhang gebracht haben.
Der Mut, zu hoffen
Wie gern würden wir der Liebe Gottes vertrauen, doch was wir um uns herum sehen und erleben, scheint dieser Liebe oft zu widersprechen. Wir sind gefangen zwischen dem, was bereits gegeben ist, und dem, was noch kommen wird. Dieser Zustand ist nicht immer angenehm; wenn wir uns aber der Hoffnung auf Erfüllung* öffnen, werden wir innerlich frei.
Hoffnung erfordert Geduld. Paulus sagt: „Wir hoffen auf etwas, das wir nicht sehen.“ (Römerbrief 8,25) Wagen wir auszuharren und nicht davonzulaufen, sondern auf das zu schauen, was sich in Gottes Zeit erfüllen wird, auch wenn wir dabei „von außen Widerspruch und Anfeindung, im Innern Angst und Furcht“ (2. Korintherbrief 7,5) erfahren?
„[Abraham hat] voll Hoffnung gegen alle Hoffnung geglaubt.“ (Römerbrief 4,18) Abraham, im Glauben der Urahne vieler Menschen, hielt weit über jede vernünftige Hoffnung hinaus an Gottes Verheißung fest. Er und seine Frau Sara empfingen, was ihnen unmöglich schien.
Der Prophet Jeremia investierte in die Zukunft: Während sein Land vom Krieg verwüstet, dessen Bewohner von Vertreibung bedroht und er selbst im Gefängnis war, kaufte er einen Acker. Jeremia war sich sicher, dass Gott sein Volk nicht verlassen würde. (Jeremia 32,6–15)
Eine solch erstaunliche Geste der Hoffnung macht den Glauben konkret. Sie ist festes Vertrauen auf das, was noch unsichtbar und sogar ungewiss ist. Können wir an einer solchen Hoffnung festhalten? Sie verschafft uns wieder Zugang zur Quelle der Freude.* Und selbst in ausweglosen Situationen kann das Wirklichkeit werden, was wir nie zu hoffen gewagt hätten.
Heute entstehen in vielen Ländern, in denen Krieg herrscht, ausgesprochen hoffnungsvolle Initiativen.*
Menschen der Hoffnung zuhören
Um besser zu verstehen, was Hoffnung bedeutet, müssen wir Menschen zuhören, die inmitten von Not und Gewalt leben. Führt uns Gott nicht durch die Stimme dieser Menschen?
Als ich mit zwei meiner Brüder die Ukraine besuchte, sagte uns ein Kirchenverantwortlicher dort: „Das Gebet öffnet einen Raum, in dem Heilung möglich wird.“ Diese Bemerkung hat mich beeindruckt. Sie kommt von einem Mann, der ständig mit dem Leid seines Volkes konfrontiert ist und der sieht, dass Glaubende in ihrem inneren Leben bereit sind, Neues anzunehmen.
Ein solcher Prozess bringt nicht immer sofort Ergebnisse hervor, aber er kann, neben anderen Maßnahmen, eine Tür öffnen, um Verletzungen und Leid zu überwinden und Hoffnung auf eine geheilte Menschheit zu wecken. Das Gebet verleiht Kraft, um auch in kompliziertesten Situationen* durchzuhalten. Es bricht die Wellen der Mutlosigkeit, wo Dunkelheit alles zu verschlingen droht.
Eine Frau aus Palästina, die gegenwärtig in Frankreich lebt, deren Familie aber in Gaza ist, schrieb uns: „Die Liebe trägt die Verwundeten und Schwachen. Diese Liebe gibt neue Kraft. Dabei muss ich an den Gelähmten* im Evangelium denken, der von seinen Freunden und deren Glauben getragen wird. Das Gebet ist eine Form des Widerstands, das ist mir wichtig. Aber auch ich bin Mensch: Als ich vom Tod zweier meiner Angehörigen erfuhr, hat mich Wut gepackt, ich habe geweint und geschrien ... Als ich mich fasste, wurde mir bewusst, dass Gott da ist – im Leiden und in der Verzweiflung – und dass er uns trägt.“
Diese Frau kam im vergangenen Sommer nach Taizé und sagte: „Jeden Morgen bete ich um die Kraft, zu lieben und nicht zu hassen.“ Ihre Worte sind wie ein Licht auf dem Weg.
Eine junge Frau aus einem asiatischen Land, in dem Krieg herrscht, sagte mir: „Unser Volk ist unterlegen, aber es findet im Evangelium Trost. Wie oft war das Volk Gottes auf der Flucht? Dennoch entstand Gemeinschaft, egal wie schwierig die Situation war. Gott mag größere Pläne für uns haben, aber wir müssen einen Tag nach dem anderen leben. Im Heute zu leben, ist eine Gabe und ein Zeichen dafür, dass das Leben in Fülle gelebt werden will. Im Gebet liegt eine Quelle des Friedens, die uns hilft, einander Mut zu machen und im Miteinanderteilen und in der Solidarität einen Sinn zu finden.“
Von einem Libanesen habe ich folgende Worte gehört: „Meine Mutter ist ein Zeugnis der Hoffnung. In allen Widrigkeiten ist sie stets standhaft geblieben. Durch sie bin ich, was ich heute bin. Sie hat uns gelehrt, an Gott zu glauben und zu beten. Jeder Mensch, der aus dem Vertrauen lebt, spiegelt das Vertrauen wider, denn er trinkt aus der Quelle und kann zum Zeugen werden.“
Welche Zeugen der Hoffnung kann jeder Einzelne von uns in seinem Leben ausfindig machen und kennenlernen? Hören wir aufmerksam auf das, was sie uns zu sagen haben!
Nach Hoffnung suchen
Wie reagieren wir, wenn unsere Pläne durchkreuzt und unsere Hoffnung enttäuscht wird? – Jesus gibt uns einen Schlüssel, wie wir Menschen der Hoffnung bleiben können. Als er die hungrige Menschenmenge sah, „hatte er Mitleid“; wörtlich übersetzt: „wandte sich sein Herz ihnen zu“[9]* . Und es gelang ihm, ihre Bedürfnisse zu stillen.
Wenn wir uns mit der Not der Menschen nicht abfinden, kann die Hoffnung in uns Gestalt annehmen. Das ist kein passives Warten, es ist ein Kampf[10]*; es gibt keinen anderen Weg. Bereits unsere Sehnsucht nach Hoffnung kann uns von dem, was menschlich möglich ist, zu dem führen, was für Gott möglich ist.
Die Hoffnung, die uns mit Christus geschenkt ist, gibt uns einen Vorgeschmack auf das, was in Gott eines Tages in Fülle hervortreten wird. Sie ist wie der Anker eines Schiffs[11]* und gibt uns Halt, wenn der Sturm tobt. So können wir kleine Zeichen der Treue setzen – der Treue zu unserer Berufung, die wir empfangen haben, und zu den Menschen, die uns anvertraut sind. Diese Hoffnung ist auch wie ein Helm[12]*, der uns vor den Widrigkeiten schützt, die über uns hereinbrechen können.
Die „Regel von Taizé“ spricht davon, uns „niemals mit dem Skandal der Spaltung unter den Christen abzufinden, die so leicht von Nächstenliebe sprechen und doch voneinander getrennt bleiben“. Für Frère Roger war die Einheit der Christen[13]* kein Selbstzweck, sondern ein Weg zum Frieden in der Menschheitsfamilie.[14]*
Die kleinen Buchsbaumsträucher in der Gegend von Taizé wurden in den letzten Jahren zweimal von Parasiten befallen. Doch sie erwachen plötzlich zu neuem Leben. Aus dem Abgestorbenen wachsen frische Zweige, aus Grau wird Grün. Die Natur kämpft ums Überleben, sie spiegelt damit unseren eigenen Kampf um die Hoffnung und macht uns Mut. Die Hoffnung für die Schöpfung[15] *und die Hoffnung, die Gottes gute Schöpfung uns verleiht, gehen einher mit der Hoffnung für die Menschheit.[16]*
Menschen der Hoffnung bleiben
Hoffnung kann ersticken, wenn wir Situationen ausgesetzt sind, in denen keine Verständigung mehr möglich scheint. Indem wir eine Atmosphäre des Argwohns schaffen, können andere leicht in einen Strudel des Misstrauens geraten.
Dazu kann es sowohl in unseren Gemeinschaften, Kirchen und Familien als auch in der Gesellschaft und in unseren Ländern kommen. Eine solche Dynamik kann versteckt oder offen ablaufen, in jedem Fall aber zehrt sie an unserer Kraft. Dennoch müssen wir bisweilen, wenn uns Unrecht begegnet, das Böse anprangern, damit Menschen nicht länger Opfer von anderen werden.[17]*
Um Hoffnung zu bewahren, sind wir aufeinander angewiesen. Hoffnung gedeiht, wenn wir auf die Bedürfnisse der anderen eingehen. Es gibt Menschen, die selbst in schwierigsten Situationen bewusst leben, anderen ein Lächeln schenken und ihnen das geben, was an jedem Tag möglich ist.
Hoffnung hat mit Wahrheit[18]* und mit Gerechtigkeit zu tun. Ist dem so, weil es sich dabei um Wesenszüge Gottes handelt? Sehen wir sie nicht in Jesu Leben, Tod und Auferstehung? Um Hoffnung zu nähren, muss man sich der Wirklichkeit stellen, und sie im Licht der Verheißung Gottes sehen.[19]*
Ein junger Mensch aus einem Konfliktgebiet erzählte mir: „Ich saß in einem Café und las ein Buch, als um uns herum plötzlich Raketen flogen. Die Leute rannten aufgeregt hinaus. Doch ich beschloss zu bleiben und weiterzulesen.“ Es wäre vernünftig gewesen, Schutz zu suchen, aber diese Geschichte zu erzählen, ist ein Protest der Hoffnung gegen die Unabwendbarkeit des Krieges.
Einer meiner Brüder sagte mir: „Hoffnung fordert heraus, ja mehr noch, sie ist ansteckend. Das Gegenteil von Hoffnung ist Gleichgültigkeit und Resignation. Als ich kürzlich mein Land besuchte, in dem Krieg herrscht, sah ich in den Gesichtern der Menschen Trauer, Sorge und Stress. Als ich mich fragte, was ich tun kann, kam mir eine Idee: Jedes Mal, wenn ich mit dem Auto Vorfahrt habe, halte ich an und lasse dem anderen den Vortritt. Das kostet mich fünf Sekunden. Aber ich sah, wie diese kleine Geste die Gesichter der Menschen veränderte; der Schmerz meines Bruders und meiner Schwester wurde etwas gelindert.
Alles in uns wehrt sich gegen Krieg und Tod ... Alles in uns strebt nach Leben und Schönheit.“[20]*
Die Hoffnung von Ostern
Wo befinde ich mich gerade? – Am Fuß des Kreuzes am Karfreitag? In der Freude von Ostersonntag? Oder warte ich, weil ich nicht weiß, wohin ich gehen soll, wie am Karsamstag?
Erahne ich, wo immer ich auch stehe, einen Weg der Hoffnung? Er tut sich auf, wenn ich auf Jesus schaue, der sein Leben aus Liebe zu jedem Menschen hingegeben hat. Jesus hat uns eine Liebe gezeigt, die stärker ist als jede Gewalt, stärker als Hass und Tod.
Hoffnung beruht nicht darauf, die Situation zu analysieren, sondern auf etwas, das oft nur eine flackernde Flamme des Vertrauens ist. So empfindlich sie auch sein mag, sie brennt selbst in der tiefsten Nacht, wie bei den Freunden Jesu. Viele hatten ihn in seiner schwersten Stunde verlassen, doch seine Liebe gab ihnen die Kraft zurückzukehren.
Wenn wir den auferstandenen Jesus nur erkennen könnten! – Doch seine Gegenwart hängt nicht davon ab, ob wir ihn erkennen oder nicht. Unsere Hoffnungslosigkeit macht uns manchmal blind, so wie sie Maria von Magdala blind gemacht hat. Der auferstandene Jesus hat sie gefragt: „Warum weinst du?“, und „Wen suchst du?“ (Johannes 20,15) Die zweite Frage erinnert an die ersten Worte Jesu im Johannesevangelium: „Was sucht ihr?“ (Johannes 1,38) Nachdem er in das tiefste menschliche Leid und den Tod hinabgestiegen ist, zeigt sich, dass unsere Suche nach Sinn eigentlich die Sehnsucht nach einer Gegenwart ist.[21]*
Jesus ist von den Toten auferstanden, er lebt in Gott und zieht uns zu sich. [22]* Der auferstandene Jesus begegnet uns in unserem Innersten, sei es von Trauer erfüllt oder von Freude. Er öffnet für uns seine Beziehung zum Vater und die Gemeinschaft untereinander im Heiligen Geist. Wir sind nicht länger Gefangene unserer eigenen Verzweiflung – ein neues Leben wird möglich.
Paulus schreibt: „Die Hoffnung enttäuscht uns nicht, denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.“ (Römer 5,5) Leben wir aus dieser Liebe. Möge der Heilige Geist uns immer führen!
Pilger der Hoffnung, Pilger des Friedens
Durch den Glauben an die Auferstehung konnten viele Menschen in ihrer Not an der Hoffnung festhalten. Der Glaube ist eine Quelle, die uns über unsere eigenen Grenzen hinausführt. So können wir unser Herz anderen zuwenden und aktiv werden.
An die Auferstehung Jesu zu glauben, erfordert Mut und Kühnheit – das Bemühen, uns von Tod und Zerstörung um uns herum nicht lähmen zu lassen.
Gott kann in scheinbar hoffnungslosen Situationen Neues entstehen lassen. Gott kann aus dem Tod Leben und selbst aus Konflikten Versöhnung hervorbringen.
Die Frauen unter den Freunden Jesu, die am Ostermorgen zu seinem Grab unterwegs waren, fragten sich: „Wer wird uns den Stein wegrollen?“ (Markus 16,3) – Welches sind die Steine in unserem Leben, um die wir Gott bitten müssen, sie wegzurollen, damit in uns neues Leben geboren wird?
Dieses neue Leben hilft uns aufzustehen, es führt uns dazu, gemeinsam mit anderen aufzubrechen. Wir werden zu Pilgern einer Hoffnung, die wir in uns tragen. Ist das nicht auch eine Hoffnung auf Frieden? Denn „Christus ist unser Frieden“. (Epheser 2,14) Hören wir, wie er zu uns sagt: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; [23]* nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt, gebe ich euch. Euer Herz beunruhige sich nicht und fürchte sich nicht.“ (Johannes 14,27-28)
Als Pilger des Friedens[24*] verstehen wir, dass es ohne Gerechtigkeit keinen wahren Frieden gibt.[25*] Der Friede, den wir in uns tragen, kommt aus der Hoffnung, aus der wir leben. Er macht uns innerlich frei. Er ermöglicht uns, das Leben zu lieben, dem Unrecht die Stirn zu bieten und uns dabei vom Heiligen Geist führen zu lassen.
Eines Tages beten wir vielleicht mit dem Lobgesang des Zacharias. Als alter Mann in einem besetzten Land freut sich Zacharias über eine unerwartete Geburt und jubelt: „Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns das aufstrahlende Licht aus der Höhe besuchen, um allen, die in Finsternis und im Schatten des Todes sitzen, zu leuchten und unsere Schritte auf den Weg des Friedens zu lenken.“ (Lukas 1,78-79)
Sind wir bereit, über alle Hoffnung hinaus zu hoffen?
Auferstandener Christus, durch die Gegenwart des Heiligen Geistes hast du die Liebe Gottes über uns ausgegossen. Du schenkst uns Hoffnung über alle Hoffnung hinaus. So erhebt sich tief in unserem Herzen ein Friede, den wir nicht erwartet hätten. Gelobt seist du!
Veröffentlicht am 18.08.2025