Brief für das Jahr 2026

Was suchst du?

Frère Matthew
Taizé

Viele Menschen suchen nach einem Sinn in ihrem Leben. Sie suchen nach etwas Größerem als den leeren Versprechen, die unsere Bildschirme so oft füllen. Haben wir Menschen nicht eine einzigartige Bestimmung? Was kann uns helfen, sie zu erkennen?

Wenn wir versuchen, aus dem Vertrauen des Glaubens zu leben, fragen wir uns manchmal: Was erwartet Gott von mir? Wir sehnen uns nach Vielem. Welchen Weg kann ich mit Gott gehen?

Im vergangenen Jahr hatten wir in Taizé junge Menschen aus der Ukraine, Palästina, dem Libanon, aus Nicaragua, Myanmar und aus anderen Kriegs- und Konfliktgebieten zu Gast. Ihr Glaube und ihre Sehnsucht nach einem gerechten und dauerhaften Frieden haben uns tief inspiriert. Wir haben Berichte von Menschen gehört, die in Gaza arbeiten oder deren Familienangehörige dort leben. Wir sind uns des Leids derer bewusst, die Angehörige unter den Geiseln hatten, und wir hören den Schrei von Menschen, die unter einer Gewaltherrschaft nach Gerechtigkeit suchen.

Ich habe auch einige Zeit mit den Brüdern unserer Communauté verbracht, die in kleinen Fraternitäten in Brasilien und Kuba leben. Brasilien leidet noch immer unter den Folgen der Sklaverei und einer großen Ungleichheit. Doch es gibt dort Menschen, die nicht aufgeben und sich unermüdlich für die Allerärmsten einsetzen. Besonders beeindruckt hat mich eine Gemeinschaft in der Stadt Salvador, wo Obdachlose in einer Kirche untergekommen sind und sich gegenseitig unterstützen.

Auf Kuba habe ich ein mutiges Volk kennengelernt, das mit großen Herausforderungen zu kämpfen hat. Ich traf eine Großmutter, die ihre gesamten Ersparnisse für den Schulbeginn ihres Enkelsohns ausgegeben hat. Dessen Mutter hat, wie viele andere Kubanerinnen und Kubaner, in der Hoffnung auf ein besseres Leben das Land verlassen.

An vielen Orten fragen sich Menschen: Wie kann ich die mir geschenkte Freiheit nutzen, um denen, die leiden, Solidarität zu zeigen? Sie suchen danach, wie sie ihren Wunsch zu lieben und für andere da zu sein, verwirklichen und ihrem Leben einen Sinn geben können, indem sie anderen helfen und ihnen dienen.

Unsere Welt ist voller Schönheit, aber auch voller Ungerechtigkeit. Wo ist mein Platz in all dem? Was erwartet man von mir? – Diese Fragen stelle ich mir oft, wenn ich mit der Komplexität des Lebens konfrontiert bin und vor Entscheidungen stehe.

Die ersten Worte Jesu im Johannesevangelium lauten: „Was sucht ihr?“ – Diese Frage habe ich in Taizé sechs jungen Freiwilligen aus sechs verschiedenen Ländern auf vier Kontinenten gestellt. Das Folgende geht auf ihre Antworten zurück.

Ich möchte ihnen und allen Freiwilligen herzlich danken, die die Treffen in Taizé mittragen, eine Zeit mit unserer Gemeinschaft verbringen, um zu beten und den Ruf Christi in ihrem Leben tiefer zu verstehen.

Frère Matthew

 

Auf der Suche nach Stille

Am Ende einer Woche in Taizé antworten viele junge Menschen auf die Frage, was ihnen am wichtigsten war: die Erfahrung der Stille. In unserer hochvernetzten und sich ständig verändernden Welt mag dies überraschend klingen.

Wenn wir uns Zeit nehmen und uns den permanenten Reizen entziehen, begegnen wir in der Stille manchmal uns selbst und erhaschen einen Blick auf eine tiefere Wirklichkeit.

In Gottes Schöpfung kann uns das Rauschen des Windes, das Plätschern eines Bachs oder der Gesang der Vögel zu einer inneren Stille führen, in der wir die Verbundenheit mit allem, was existiert, spüren. Eine sternenklare Nacht kann uns mit Staunen erfüllen.*

Jesus kam still in die Welt:* „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“* Der bei Gott und vor dem Anfang aller Dinge Gott war, kam in Demut durch eine Geburt in der Stille der Nacht zu uns:* das Licht, das in der Finsternis leuchtet.

So ist diese Stille nicht leer, sondern wird zu einem Ort der Begegnung. In der Stille sind wir nicht allein. Sie fällt uns jedoch schwer, weil unser Geist oft mit vielen Dingen beschäftigt ist. In der Regel von Taizé heißt es: „Sobald du unaufmerksam bist und deine Zerstreutheit bemerkst, kehre zum Gebet zurück, ohne darüber zu klagen.“*

Vor vielen Jahrhunderten betete jemand mit den Worten: „Mein Herz denkt an dein Wort: ‚Sucht mein Angesicht!‘ Dein Angesicht, Herr, will ich suchen.“* Wenden wir uns in der Stille unseres Herzens immer wieder Gott zu, um ihn zu suchen?

Im Kern ist das Gebet ein tiefes Verlangen,* eine stille Sehnsucht nach Frieden in der Gegenwart Gottes. Wenn wir nicht wissen, wie wir beten sollen, ist der Heilige Geist bereits da und betet in uns mit einem Seufzen, das sich nicht in Worte fassen lässt.* Wenn wir tief in unser Herz hineinhören, begreifen wir, dass dort der Heilige Geist wohnt. Ich stehe vor mir selbst und vor Gott, der in mir atmet.

Lebendiger Gott, lass mich dich in der Stille meines Herzens suchen, in der Schönheit der Schöpfung, im Hören auf dein Wort, und hilf mir, deine demütige Gegenwart anzunehmen.

Können wir uns jeden Tag Zeit nehmen, um in Stille zu verweilen und uns in die Gegenwart Gottes zu versenken? Wir könnten mit nur fünf Minuten beginnen: Lesen wir einen kurzen Bibeltext, danken wir für das, was wir am vergangenen Tag erlebt haben, oder halten wir einfach nur inne.

 

Auf der Suche nach Orientierung

Stille macht unseren Blick frei. Wenn wir nach dem richtigen Weg suchen, können wir in der Stille tief in uns hineinhören. Wir brauchen auch innere  Freiheit, um eine verantwortungsvolle Entscheidung zu treffen. Zu dieser Freiheit gehört es, unsere Grenzen ohne Furcht anzunehmen: Angst ist nie ein guter Ratgeber, und Gott zwingt uns nichts auf.

Jeder Mensch sucht sowohl nach Zugehörigkeit als auch nach einer Form von Sicherheit. Und auf der Suche nach einer authentischen Lebensweise helfen uns manchmal andere, unser wahres Ich zu finden. Durch andere entdecken wir vielleicht unerwartet etwas, das wir alleine nicht gefunden hätten.

Im Johannesevangelium sind zwei junge Menschen gemeinsam mit ihrem Lehrer Johannes dem Täufer, dem sie vertrauen, im Jordantal unterwegs. Johannes will sie nicht an sich binden und weist sie auf einen anderen hin – auf Jesus. Da brechen sie auf und folgen ihm.

Als Jesus sie sieht, fragt er: „Was sucht ihr?“ Als sie antworten: „Meister, wo wohnst du?“, sagt er zu ihnen: „Kommt und seht!“*

Diese beiden Fragen fassen den Prozess der Suche und Entdeckung einer Richtung für ein Leben mit Christus zusammen. Wir gehen von unserer eigenen Sehnsucht aus, von der Hoffnung auf ein erfüllteres Leben – „Was sucht ihr?“ – und stellen sie der Person Jesu gegenüber – „Meister, wo wohnst du?“

Jesus lädt uns ein: „Kommt und seht.“ Er ist sanft und von Herzen demütig. Seine Liebe zu uns ist bedingungslos, sicher und unerschütterlich. Wagen wir es, trotz unserer Bedenken und sogar Zweifel seiner Einladung zu folgen?

Jesus Christus, zeig mir den Weg und mach mich bereit, ihm zu folgen.*

Welche Menschen haben mich auf Christus hingewiesen? Nimm dir einen Moment Zeit, um im Gebet für sie zu danken.

 

Auf der Suche nach Freude

Einer der Freiwilligen in Taizé erzählte mir: „In meinem Land ringen junge Menschen darum, in einer Welt zu bestehen, die ihnen scheinbar alles bietet. Doch tief in ihrem Inneren werden sie von Angst, Unsicherheit und Depressionen geplagt.“

Überall wird uns Freude versprochen. Doch viele dieser Versprechen führen nicht zu bleibender Freude, sondern bescheren nur ein kurzes Vergnügen.

Tiefe Freude bricht in uns auf, wenn wir spüren, dass wir geliebt werden, so wie wir sind. Und wenn wir begreifen, dass Freude ein Geschenk ist, das man nicht einfordern kann, werden wir bereit, sie anzunehmen. Dann versuchen wir nicht länger, sie krampfhaft zu erzeugen, sondern lassen uns von ihr beflügeln.

Bei einer Hochzeit, zu der Jesus mit seinen Freunden eingeladen war,* ging der Wein aus. In diesem Moment wird deutlich: Jesus befindet sich unter Armen. Er begegnet ihnen in ihrer Armut und schenkt ihnen mehr, als sie erhoffen können. Er möchte, dass sie Freude haben, und tut alles, um sie ihnen zu schenken.*

Als ich vor vielen Jahren in Kalkutta das Mutterhaus der Missionarinnen der Nächstenliebe besuchte, sah ich an der Wand einen Spruch von Mutter Teresa. Er erinnerte mich daran, dass Gott uns mit unseren Schwächen annimmt und nicht verlangt, dass wir vollkommen seien. Wir müssen nicht immer stark sein.

Unsere innere Armut kann uns einreden, wir seien nicht gut genug. Das führt oft dazu, dass wir uns verstellen. Doch wenn wir uns trauen, mit leeren Händen vor Christus zu stehen, kommt er, um sie zu füllen, und verwandelt unsere Armut nach und nach.

Selbst in Zeiten von Traurigkeit, wenn wir keinerlei Freude sehen, können wir uns daran erinnern, wie Jesus von einer Freude spricht, die uns niemand nehmen kann.*

Barmherziger Gott, wir möchten deine Freude annehmen, wo immer wir gerade stehen. Wenn wir begreifen, dass du uns liebst und uns den Weg zu einem Leben öffnest, das niemals endet, erwacht Freude in uns.

Überlegen wir, wie wir anderen eine Freude bereiten können. Gehen wir auf jemanden persönlich zu, nicht nur virtuell. Manchmal bekomme ich für einen bescheidenen Dienst, den ich jemandem ohne Erwartung erweise, etwas zurück – allein schon wenn ich die Freude im Gesicht des anderen sehe.

 

Auf der Suche nach Sinn

Jeder Mensch sehnt sich nach einem Sinn. Wo können wir ihn finden? Inmitten unseres geschäftigen Lebens spricht eine leise Stimme zu uns, dass wir geliebt sind.

Ein Führer des Volkes namens Nikodemus, der nach dem Sinn seines Lebens suchte, hörte von Jesus.* Bei Nacht kam er zu ihm, um seine Gedanken auszusprechen.

Unsere tiefsten Fragen über Glaube, Leben und Tod, Sinn und Zweck bleiben oft unausgesprochen. Doch solange wir sie nicht aussprechen, bleibt, wie bei Nikodemus, ein Gefühl der Unzufriedenheit.

Bleiben wir mit unseren Fragen so lange auf der Suche, bis wir zur Quelle des Lebens gelangen? Vielleicht finden wir nicht auf alles eine Antwort, aber wenn wir es wagen, Christus nachzufolgen, kommen wir an einen Punkt, an dem wir uns Gott nur noch voll und ganz anvertrauen können.* Dann offenbart sich uns Gottes umfassende Güte und Liebe.

In Jesu Leben ging es nicht darum, die Menschheit zu richten, sondern jeden Menschen verstehen zu lassen, dass er von Gott geliebt ist. Jesus kommt, um uns den Weg einer immer größeren Liebe zu zeigen. Darin liegt sein Geheimnis.

Nikodemus näherte sich Schritt für Schritt dem Licht. Ein oder zwei Jahre nach der nächtlichen Begegnung mit Jesus verteidigt er ihn offen vor den Vertretern des Volkes in Jerusalem.* Einige Monate später, als Jesus gekreuzigt wurde, bewies er großen Mut* und schloss sich den Freunden Jesu an. Sein Mut führte ihn in die Gemeinschaft.

Gütiges Licht, führe mich durch die Dunkelheit, die mich umgibt, und zeig mir den Weg ... Ich bitte nicht, die ferne Zukunft zu sehen; der nächste Schritt genügt mir.*

Organisieren wir ein Treffen, bei dem jeder sagen kann, wie er oder sie einen Sinn in seinem Leben findet. Für manche mag dies durch den Glauben geschehen, für andere durch bestimmte Handlungen, wieder andere haben vielleicht mehr Fragen als Antworten. Ein solcher Austausch und aufmerksames Zuhören kann uns gegenseitig Mut machen. Wenn es passt, könnte das Treffen mit einem Lied beginnen, das den Heiligen Geist anruft, und mit einem Danklied enden.

 

Auf der Suche nach einer gerechten Welt

Ungerechtigkeit – sei es durch die Zerstörung der Umwelt,* soziale Ungleichheit, Gewalt, Unterdrückung oder Krieg – löst die unterschiedlichsten Gefühle aus: Empörung, Wut, Trauer, bis hin zur Verzweiflung. Es ist gerechtfertigt, dagegen anzukämpfen, doch besteht nicht auch die Gefahr, dass wir nur noch um uns selbst kreisen und den Blick für andere Perspektiven verlieren?* Wir können sogar zu Gefangenen unseres eigenen Algorithmus werden und in die Polarisierung geraten, die uns alle bedroht.

Schauen wir über unseren Tellerrand hinaus und lassen wir uns von anderen kritisch hinterfragen, auch wenn wir nicht immer einer Meinung sind.

Manchmal müssen wir uns mit einer komplexen Wirklichkeit auseinandersetzen, wo es keine Lösung zu geben scheint.* Es mag uns überfordern, den verschiedenen Seiten zuzuhören, aber es wäre ungerecht, dies nicht zu tun.

Nach dem Abendgebet in der Kirche von Taizé sagte eine junge Frau zu mir: „Ich muss die Gewalt, die in mir steckt, annehmen und sie neben mein Verlangen nach Kontemplation stellen.“ Ich fand diesen Gedanken befreiend: das Gefühl nicht zu unterdrücken oder zu leugnen, sondern es neben unser Verlangen nach Gott stellen.

Die zerstörerischen Kräfte, die in jedem von uns stecken, können uns leicht überwältigen. Wie schnell werden Menschen oder sogar ganze Nationen dämonisiert. So geraten wir in eine Spirale der Gewalt und setzen sie fort.Gebet und Kontemplation öffnen uns für eine andere Dimension, versöhnen uns mit unserem Inneren und helfen uns, Brücken zu bauen.

Der Heilige Geist führt uns auf dem Weg mutiger Entscheidungen. Frère Roger, der unser gemeinsames Leben in Taizé begann, sprach von einer „schöpferischen Gewalt der Friedfertigen“*; sie hilft, der Versuchung zu widerstehen, vom Weg des Evangeliums abzuweichen.

Jesus verkörpert Gerechtigkeit und eine Welt aufrichtiger Beziehungen, die das Evangelium als „Reich Gottes“ bezeichnet. Im Zorn stieß Jesus die Tische der Händler und Geldwechsler im Tempel um, damit Gott wieder Raum bekommt.* Obwohl sich Jesus jeder religiösen Heuchelei entschieden widersetzte, ging er auf die Fragen eines religiösen Führers wie Nikodemus ein. Er kannte Pharisäer und nahm ihre Gastfreundschaft an,* doch er teilte  auch das Mahl mit Menschen, die von der Gesellschaft ausgeschlossen waren. Jesus hatte eine unerschütterliche Liebe für die verlorenen Schafe seines Volkes Israel,* aber ebenso bewunderte er den Glauben eines römischen Offiziers und heilte dessen Diener;* und er ließ sich vom Glauben einer heidnischen Frau herausfordern, der er in der Fremde begegnete.*

Indem er es wagte, auf Menschen zuzugehen, die anders waren,* schuf Jesus Vertrauen und machte so Gottes versöhnende Kraft sichtbar.

Wenn wir erkennen, dass das Licht in der Finsternis leuchtet und sich die Liebe Gottes selbst durch einfachste Gesten menschlicher Güte als stärker erweisen kann, dann sind wir frei zu handeln.

Jesus Christus, in deinem Leben auf Erden hast du nicht gezögert, Unrecht anzuprangern, aber du hast auch Brücken zu denen gebaut, denen du auf deinem Weg begegnet bist. Stärke in uns das Verlangen, die Trennungen zwischen Menschen und Völkern zu überwinden, damit auf Erden Gerechtigkeit wachsen kann.

Wie können wir Brücken bauen, wo Spaltung herrscht? Allein zu handeln ist schwierig. Suchen wir das Gespräch mit anderen, sammeln wir Ideen und gehen wir gemeinsam auf die Menschen am Rand der Gesellschaft zu. Wie können wir denen zuhören, die anders denken, ihre Ängste verstehen und doch an den Werten festhalten, die uns das Evangelium vermittelt?

 

Auf der Suche nach Gemeinschaft

Eine der Freiwilligen in Taizé sagte mir: „Ich möchte im Einklang mit meinen Werten und den Werten des Evangeliums leben. Bei jeder Entscheidung frage ich mich: ‚Ist das für andere, für den Planeten und auch für mich vertretbar?‘ Wir wollen eine bessere Welt aufbauen.“

Gemeinschaft miteinander, mit der Schöpfung, mit Gott – sind wir nach der Isolation der Pandemie bereit, eine Welt der Gemeinschaft* wiederaufzubauen, eine Welt der Fürsorge?* Alles hängt miteinander zusammen: Wir alle gehören zueinander in unserem gemeinsamen Haus, der Schöpfung, die uns anvertraut ist.

Am Kreuz war die Gemeinschaft Jesu auseinandergebrochen: Judas hatte ihn verraten. Petrus hatte ihn verleugnet. Die meisten seiner Freunde waren geflohen. All die Anstrengung Jesu, ein Leben in liebevoller Gemeinschaft aufzubauen, die allen offenstand, schien vergeblich gewesen zu sein. Er war das Wagnis eingegangen, sein Leben sogar für diejenigen hinzugeben, die ihn ablehnten. Doch in der dunkelsten Stunde wird am Fuße des Kreuzes eine neue Gemeinschaft geboren.*

Nach dem Johannesevangelium bleiben vier Frauen und ein Mann bis zum Ende bei Jesus. Ohne Worte sind sie einfach da. Sie werden zu Zeugen einer Gemeinschaft, die Jesus auch dann noch stiftet, wenn alles verloren scheint.

Feindseligkeit und Ablehnung zerstören menschliche Gemeinschaft. Doch am Kreuz nimmt Jesus diese Feindseligkeit und Ablehnung auf sich und stellt die Gemeinschaft noch im Moment seines größten Leidens wieder her.*

Am Kreuz vertraut Jesus seinen geliebten Jünger seiner Mutter wie einen weiteren Sohn an, und dieser nimmt sie bei sich auf – stellvertretend für alle künftigen Jünger, die Jesus liebt. Eine neue Familie entsteht: die Gemeinschaft derer, die an Jesus glauben, die Kirche. Sie entsteht nicht auf menschliche Weise aus Sieg und Triumph, sondern aus einer Liebe, die das stumme Schweigen des Leidens überwindet. Wer könnte aus einer solchen Gemeinschaft ausgeschlossen sein?*

In der Kirche sind wir berufen, den Leidenden und den Opfern von Unrecht* beizustehen. Als Menschen sind wir alle aufgefordert, einander in Fairness und Aufrichtigkeit zu begegnen, und die Freiheit und Würde jedes Einzelnen zu achten.

Am Vorabend des Sabbats, dem siebten Tag der Woche,* vollendet Jesus durch seinen Tod sein Werk, so wie Gott das Werk der Schöpfung am siebten Tag vollendete und sah, dass alles „sehr gut“ war.* Indem Jesus sein Leben am Kreuz verschenkt, beginnt eine neue Schöpfung. Er stirbt einen gewaltsamen Tod – aber „Ströme von lebendigem Wasser“* fließen aus seinem Leib,* Wasser, das nichts anderes ist als der Heilige Geist, der das Antlitz der Erde erneuert.

Der Leib Jesu wird in ein neues Grab gelegt, in einem Garten – jenem Garten, zu dem unsere Erde einst werden soll.* In der Stille des darauffolgenden siebten Tages beginnt die verwundete Schöpfung, deren Teil wir sind und die uns anvertraut ist, ihre verborgene Verwandlung.

Jesus Christus, du hast dein Leben für jeden Menschen hingegeben und uns gezeigt, wie weit du für uns gehst. Wir möchten mit Maria, deiner Mutter, und deinem geliebten Jünger am Fuß deines Kreuzes stehen und deine Worte annehmen.

An wessen Seite sollen wir stehen? Wie können wir Gemeinschaft erfahren? Studierende könnten sich eine Wohnung teilen, gemeinsam beten und essen – insbesondere mit Kommilitonen aus verschiedenen Ländern. Andere treffen sich einmal in der Woche bei jemandem zu Hause. Ladet Menschen ein, die sich ausgeschlossen fühlen, und überwindet so auf einfache Weise ein Gefühl von Ungerechtigkeit.

 

Auf der Suche nach Frieden

Wir sehnen uns nach Frieden – nach innerem Frieden und nach Frieden in dieser Welt, die Gott so sehr liebt. „Beginne das Werk des Friedens in dir selbst, damit du, sobald du Frieden gefunden hast, anderen Frieden bringen kannst“,* sagte ein Glaubender des 4. Jahrhunderts.

Als Jesus am Ostermorgen Maria von Magdala im Garten begegnet, fragt er sie: „Warum weinst du? Wen suchst du?“* – Ihre Tränen verwandeln sich in Freude, als sie erkennt, dass der, nach dem sie sich sehnte, vom Tod nicht besiegt worden war. Jesus schickt sie zu seinen Freunden, um ihnen zu berichten, was sie gesehen und gehört hat.

Kurz darauf begegnet Jesus seinen Jüngern. Sie sind noch von Angst erfüllt, doch seine ersten Worte lauten: „Friede sei mit euch!“* Er nimmt ihre Angst ernst und öffnet sie für den Frieden seiner Gegenwart. Er haucht ihnen den Heiligen Geist ein und überträgt ihnen die Verantwortung, sein Werk der Versöhnung fortzusetzen.

Der Friede, den Jesus seinen Jüngern vor seinem Tod verheißen hatte – ein „Friede, den die Welt nicht geben kann“* – geht weit über die bloße Abwesenheit von Konflikten hinaus. Das biblische Wort Shalom bedeutet auch Wiederherstellung und Fülle. Dieser göttliche Friede wurde uns anvertraut, damit wir ihn bewahren und weitertragen.

Indem wir anderen helfen, die ihnen verheißene Freiheit und Frieden zu entdecken, nehmen wir am Leben Gottes selbst teil; indem wir alles in unserer Macht Stehende tun, um Barrieren der Feindseligkeit oder Mauern einreißen, die sie gefangen halten. Und gehen wir nicht denselben Weg, wenn wir die Schöpfung mit Staunen und Dankbarkeit betrachten und uns um sie kümmern?

Wir alle brauchen den Frieden, den der auferstandene Christus jedem von uns schenkt. Wenn wir uns von diesem Frieden durchdringen lassen, können wir einander begleiten und mit jedem Schritt Hoffnung säen.* Versuchen wir – auch durch ganz einfache Gesten –, Zeugen der Versöhnung und Pilger des Friedens zu sein, jeder auf seine Weise, wo immer Gott uns hingestellt hat?

Hören wir auf die Stimmen derer, die unter tödlichen Konflikten oder Gewalt in unseren Gesellschaften leiden. Kontakt mit Menschen in Kriegsgebieten zu halten, kann uns dabei helfen, ihre Not zu verstehen. Unterstützen wir diejenigen, die sich in Ländern mit unterdrückerischen oder kriegstreibenden Regimen für Gerechtigkeit einsetzen. Vielleicht sind einige von ihnen bereit, ihre Erfahrungen zu teilen? Bereiten wir ein Friedensgebet vor und hören wir ihnen zu. Hören wir auf das, was der Heilige Geist uns heute sagt.

Segne uns, liebender Gott. Leite uns durch den Heiligen Geist auf unserem Weg mit dem auferstandenen Christus. Mache uns zu Pilgern der Hoffnung, zu Pilgern des Friedens.

 

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Jahresbriefe

Veröffentlicht am 26.12.2025