Frère Roger
Gründer der Communauté und bis 2005 deren Prior
Biographie
Im Jahr 1939, als Theologiestudent in Lausanne, versammelt Roger Schutz-Marsauche, Sohn eines evangelischen Pfarrers, Freunde zu einer gemeinsamen Suche; mit ihnen organisiert er Zusammenkünfte und geistliche Einkehrtage. Mit zwei von ihnen beginnt er eine kleine Bruderschaft – ein erste Schritt hin zur späteren Gemeinschaft.
Ein Haus war nötig, um sich zu treffen. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs beschließt er im August 1940, mit 25 Jahren, ein geeignetes Haus in Frankreich zu suchen, um den Menschen nahe zu sein, die am meisten leiden. Er lässt sich in dem kleinen Dorf Taizé nieder, das nahe der Demarkationslinie liegt, die Frankreich damals in zwei teilte. Er nimmt Flüchtlinge auf, darunter Juden. Allein betet er dreimal am Tag in einem kleinen Oratorium.
Als 1942 auch der südliche Teil Frankreichs besetzt wird, hält er sich gerade in Genf auf und ist gezwungen, dort zu bleiben. Damals lernt er seine ersten Brüder kennen und beginnt mit ihnen ein gemeinsames Leben. Um deutlich zu machen, dass sich die entstehende Gemeinschaft als Teil der Kirche versteht, lässt er sich ordinieren. Nach der Befreiung Frankreichs kehren die Brüder im Herbst 1944 nach Taizé zurück und setzen dort ihr Leben des Gebets, der Arbeit, des Studiums und der Gastfreundschaft fort.
An Ostern 1949 verpflichten sie sich zu siebt für ihr ganzes Leben zur Ehelosigkeit, zur Annahme des Amts eines Priors und zu materieller und geistlicher Gütergemeinschaft.
Als Gründer und Prior verfasst Frère Roger in den Jahren 1951–1952 die Regel von Taizé. Wie anderen Gründern in der Geschichte ging es auch ihm darum, auf die Fragen seiner Zeit zu antworten. Indem er die Berufung der Communauté darin sah, ein „Gleichnis der Gemeinschaft“ zu sein, wollte er Wege öffnen – zur Heilung der Spaltungen zwischen den getrennten Christen und zur Überwindung von Konflikten in der Menschheit. Die Versöhnung der Christen war für ihn kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung dafür, dass die Christen Vertrauen zwischen den Völkern stiften und Ferment des Friedens sein können.
Die ökumenische Berufung stand im Mittelpunkt des Lebens von Frère Roger. Er knüpfte Kontakte zu Christen verschiedener Konfessionen. Er reiste nach Rom, um die Päpste – von Pius XII. bis Johannes Paul II. – zu treffen; er reiste nach England, um Beziehungen zur anglikanischen Kirche aufzubauen, und nach Istanbul zum orthodoxen Patriarchen. Seine Initiativen stießen nicht immer auf Verständnis und führten mitunter zu schwierigen Situationen – sei es mit den Verantwortlichen des französischen Protestantismus oder im Vatikan, als er 1974 vom Dikasterium für die Glaubenslehre (dem früheren Heiligen Offizium) nach Rom zitiert wurde. Doch die Spannungen legten sich, und eines Tages konnte er sagen: „Ich habe meine Identität als Christ darin gefunden, den Glauben meiner Herkunft mit dem Geheimnis des katholischen Glaubens zu versöhnen, ohne mit irgendjemandem zu brechen.“
Er möchte, dass die Communauté in ihrer Zeit lebt – solidarisch mit den Ärmsten und mit jenen, deren Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Als die Zahl der Brüder auf zwölf angewachsen war, wurden einige von ihnen ausgesandt, um in kleinen Fraternitäten in benachteiligten Gegenden der Welt zu leben. Er selbst verbrachte regelmäßig Zeiten an Orten des Leidens: in Chile, Kalkutta, Südafrika, im Libanon, in Haiti, der Sahelzone, in Äthiopien, Indien, auf den Philippinen … Während Europa in zwei Blöcke geteilt war, reiste er jedes Jahr in Länder des Ostens, um Menschen zu besuchen, die ihre Länder nicht verlassen konnten und denen die freie Meinungsäußerung verwehrt war. „Ich werde mit euch schweigen“, sagte er den Christen dort. Auch bei Staatsoberhäuptern setzte er sich für den Frieden ein – ein Engagement, das durch mehrere internationale Auszeichnungen gewürdigt wurde.
1963 ruft er die „Operation Hoffnung“ ins Leben – eine Spendenaktion, die zunächst landwirtschaftlichen Genossenschaften in Lateinamerika zugutekommt. Später hilft sie Menschen in Not in verschiedenen Teilen der Welt. Mit den Mitteln wurde unter anderem der Versand von einer Million neuer Testamente nach Lateinamerika und einer Million Bibeln an die russisch-orthodoxe Kirche ermöglicht.
Ab 1957/58 kommen immer mehr junge Menschen nach Taizé – aus Europa und von den anderen Kontinenten. Frère Roger öffnet ihnen weit die Türen, und die Brüder beginnen, Treffen zu organisieren, die unter dem Leitgedanken stehen: inneres Leben und menschliche Solidarität. In Gebet und Austauschs mit anderen suchen die Jugendlichen nach einem Sinn für ihr Leben und nach einem neuem Aufbruch. Über mehrere Generationen hinweg wachsen auf diese Weise ein Sinn für das Gebet, ein universaler Blick auf die Kirche, Vertrauen in Menschen anderer Völker, Aufmerksamkeit für die Menschenrechte, ein internationales Bewusstsein und eine Sensibilität für den Frieden.
1970 kündigt Frère Roger ein „Konzil der Jugend“ an, um den jungen Menschen eine ähnliche Erfahrung zu ermöglichen, wie sie die Bischöfe beim Zweiten Vatikanischen Konzil gemacht hatten. Daraus entsteht der „Pilgerweg des Vertrauens auf der Erde“: keine Bewegung um die Communauté herum, sondern ein Weg, der junge Menschen ermutigt, in ihrem Leben Frieden und Versöhnung weiterzutragen. Lokale, internationale und kontinentale Treffen bilden Stationen auf diesem Weg – darunter jedes Jahr das Europäische Jugendtreffen in einer Stadt West- oder Osteuropas. Zu diesem Anlass schreibt Frère Roger jeweils einen Brief an die Jugendlichen, den er oft an einem Ort der Armut verfasst, an dem er einige Zeit verbringt.
Alle zwei bis drei Jahre veröffentlicht er ein Buch, in dem sich das kontemplative Leben mit der Suche nach Einheit unter den Christen und mit dem Einsatz für Benachteiligte verbindet. Drei kleinere Bücher entstehen gemeinsam mit Mutter Teresa von Kalkutta.
Am 16. August 2005 stirbt Frère Roger im Alter von 90 Jahren eines gewaltsamen Todes. Während des Abendgebets in der Versöhnungskirche wird er von einer psychisch kranken Person angegriffen.