Frère Matthew

An der Quelle

Donnerstag, 16. Juli 2026

Wenn ihr die trockenen Felder ringsum seht, wirft das Fragen hinsichtlich der Bewahrung von Gottes Schöpfung auf, unserem gemeinsamen Hause. Was kann jeder von uns tun, um zur Bewahrung der Schönheit der Schöpfung beizutragen, damit sich weiterhin alle daran erfreuen können?

Gleichzeitig frage ich mich: Dürsten nicht auch wir nach etwas? Und wonach? Wie die Erde warten auch wir manchmal auf Regen. Und trauen wir uns, unserem Durst, unserer tiefsten Sehnsucht  zu folgen? Wenn ja, wird uns dies zu dem Einen führen, der die Quelle ist und der allein unseren Durst stillen kann.

Nach dem Abendgebet bleiben einige von uns Brüdern in der Kirche, um denen zuzuhören, die etwas sagen möchten. Manche bitten, für jemanden zu beten. Andere erzählen von ihrer persönlichen Suche.

Manche eurer Fragen fordern uns auch heraus. Zu den heikelsten Fragen, die immer wieder auftauchen , gehört die nach der Vergebung.

Wir wissen, wie Jesus auf die Frage des Petrus reagierte, als dieser wissen wollte, wie oft er seinem Bruder vergeben müsse. Jesus antwortet: „Siebenundsiebzigmal“ (Matthäus 18,22). Wir kennen auch seinen Aufruf zur Versöhnung (Matthäus 5,24). Jesus selbst lebte die Vergebung bis zu seinem letzten Atemzug und vertraute nach seiner Auferstehung diesen Dienst der Versöhnung seinen Freunden an (Johannes 20,23).

Doch als mir vor einiger Zeit ein Jugendlicher erzählte, was er in seinem Leben durchgemacht hat, wusste ich nicht mehr, wie ich diese Worte einordnen sollte? Mir wurde klar, dass ich in dem Moment nicht mehr von der Vergebung sprechen konnte. In der Vergangenheit haben zu viele Menschen darunter gelitten, nicht so vergeben zu können, wie es von ihnen verlangt worden war.

Und doch öffnet sich im stillen Warten des Zuhörens oft ein Raum der Freiheit. Wie ein Wunder sagte diese Person auf einmal von selbst: „Ich möchte gerne vergeben können.“ Der Wunsch war da. Ein kleiner Weg öffnet sich. Eine Heilung beginnt. Nur unser Durst weist uns den Weg.

 

Lyton erzählt: Mein Name ist Lyton Atwiine, und ich hatte die Gelegenheit, als gläubiger Christ an zwei sehr unterschiedlichen Orten auf der Welt zu leben: in Uganda, wo ich geboren und aufgewachsen bin, und in Algerien, wo ich zwei Jahre lang studiert habe. Das Leben in diesen beiden Ländern hat mir gezeigt, das aus dem Glauben zu leben Verschiedenes bedeuten kann. Heute begreife ich meine Beziehung zu Gott anders.

In Uganda war der Glaube ein Teil des Alltags. Uganda ist überwiegend christlich, hat aber auch einen bedeutenden muslimischen Anteil, doch Religion bestimmte unsere Beziehungen selten. Ich wurde kaum jemals gefragt, ob ich Christ oder Muslim sei, weil es einfach keine Rolle spielte. Ich wuchs damit auf, Religionsfreiheit als eine Selbstverständlichkeit anzusehen. Kirche, Gebet und Jesus waren ganz normale Dinge, und ich hätte mir nie vorstellen können, dass mein Glaube eines Tages zu etwas werden würde, das ich ständig erklären oder verteidigen müsste.

Der Umzug nach Algerien hat meine Sichtweise völlig verändert. Christen sind dort eine sehr kleine Minderheit – weniger als 1 % der 47 Millionen Einwohner –, verteilt über das größte Land Afrikas, und die meisten Christen, die ich kennengelernt habe, sind Studenten aus anderen Ländern oder Migranten aus anderen afrikanischen Ländern. Als schwarzer fühlte ich mich manchmal in zweifacher Hinsicht benachteiligt. Es gab Momente, in denen ich übersehen oder anders behandelt wurde, und ich habe mich ernsthaft gefragt, ob das an meiner Hautfarbe lag, oder dass ich Christ war, oder an beidem.

Einer der größten Unterschiede ist, dass man mich ständig nach meiner Religion fragt. Unzählige Male wurde ich schon gefragt, ob ich Christ oder Muslim sei. Taxifahrer und Kommilitonen haben immer wieder versucht, mich zum Islam zu bekehren. Manche Gespräche verliefen respektvoll, aber viele sind hartnäckig und geben nicht auf, bis sie das Gefühl haben, mich überzeugt zu haben. Ein Klassenkamerad sagte mir sogar, ich würde nicht in den Himmel kommen, weil nur Muslime in den Himmel kommen. Als Christ lebt man viel diskreter; die Gottesdienste  finden meist in Kirchen hinter verschlossenen Türen statt. Christen sprechen über ihren Glauben sehr vorsichtig.

Anfangs war das schwierig, aber mit der Zeit wurde mir klar, dass mein Glaube stärker wurde. Ich vergleiche das oft mit den Leben in der Wüste lebt: Solange man Wasser hat, ist es eine Selbstverständlichkeit, aber in der Wüste ist jeder Tropfen kostbar. Genauso ist in Algerien jede Gelegenheit zum Gebet, zum Gottesdienst und zum Zusammensein mit anderen Christen ein Schatz – und ich spüre, was es heißt, einer religiösen Minderheit anzugehören. Es hat mich nicht nur etwas über den Inhalt meines Glaubens gelehrt, sondern auch über das Warum. Uganda hat mir die Schönheit gezeigt, seinen Glauben frei leben zu können, und Algerien hat mir die Kraft gegeben, im Glauben durchzuhalten. Ich danke Gott für beide Erfahrungen.

Bevor ihr wieder heimfahrt, denkt einmal darüber nach, was für euch hier in Taizé wichtig war. Es wäre gut, wenn ihr ein oder zwei Dinge, die ihr von diesen Tagen mitgenommen habt, in die Tat umsetzen könntet.

Unseren Glauben im Alltag zu leben ist nicht einfach, aber wenn wir Menschen finden, mit denen wir unsere Suche gemeinsam fortsetzen können, kann das helfen. Wenn wir in unseren Gemeinde am Ort Gemeinschaft suchen, ist das nicht immer einfach, aber manchmal findet man überraschenderweise Menschen, die sich mit uns auf den Weg machen wollen, um Jesus Tag für Tag nachzufolgen. Wir entdecken eine Gemeinschaft von Gemeinschaften.

Kommt morgen Abend schon um 20 Uhr in die Kirche und betet mit uns – wie jeden Freitag – in Stille für den Frieden in der Welt. Unter uns sind junge Menschen aus der Ukraine, aus dem Libanon und aus anderen Ländern, in denen Krieg herrscht. Im stillen Gebet möchten wir unsere Solidarität mit ihnen zum Ausdruck bringen und darauf hören, was uns der Heilige Geist diesbezüglich eingibt.

Letztes Jahr war ich mit einigen Brüdern zum Jugendjubiläum in Rom, als eine Frau aus Gaza mich fragte, ob wir ein Lied mit Worten aus dem Psalm 85 komponieren könnten: „Liebe und Wahrheit begegnen einander, Gerechtigkeit und Frieden umarmen sich.“ Diese Woche haben wir eine erste Version dieses Lieds gesungen. Bitte denkt Im Gebet an die Menschen, die im Krieg leben.

Zum Schluss möchte ich Julia bitten, euch etwas über ein Ereignis zu erzählen, das Ende dieses Jahres stattfinden wird.

Julia:

Ich möchte euch zum Europäischen Treffen einladen, das in meiner Stadt Łódź stattfinden wird.

Łódź ist eine Stadt von vier Kulturen: der katholischen, der evangelischen, der orthodoxen und der jüdischen. Ich finde es wichtig, verschiedene Kulturen kennenzulernen und zu sehen, wie andere Menschen leben. Ich kann euch nur sehr empfehlen, hierherzukommen und euch selbst ein Bild zu machen – es gibt so viel zu entdecken.

Aber das Wichtigste in Łódź sind die Menschen, und die warten auf euch. Also bis bald in Łódź!

Frère Matthew Gedanken und Meditationen

Veröffentlicht am 07.08.2026