Besuche in der Ukraine

Das Licht ist in der Nacht des Krieges nicht erloschen

Eine Reise zwischen Widerstand und Hoffnung

Zwei Wochen in Städten ohne Licht und auf „Inseln des Widerstands“: Frère Bénoît berichtet der Nachrichtenagentur SIR von einer verwundeten, aber nicht besiegten Ukraine: von der Solidarität junger Menschen, das Engagement der Kirchen und Familien, die unter den russischen Angriffen leiden. In der Kälte und Angst wird Hoffnung zu einer täglichen Entscheidung und zu einem konkreten Zeichen der Freiheit.

„Wir haben den jungen Menschen, denen wir begegnet sind, gesagt: Wir bringen euch keine Botschaft, aber wir möchten euch durch unser Gebet und unsere Anwesenheit unsere geistliche Solidarität zeigen. Die Menschen, denen wir begegnet sind, waren für uns eine Botschaft!“ Frère Benoît und Frère Andreas aus Taizé sind nach zwei Wochen aus der Ukraine zurückgekehrt. Die Agentur SIR hat sie telefonisch zu ihrer Reise befragt, die sie nach Lwiw/Lemberg, Ternopil, Kiew, Schytomyr, Poltawa, Saporischschja, Dnipro, Charkiw und Kolomyja geführt hat. Sie trafen Vertreter aller Kirchen – der orthodoxen, der griechisch-katholischen, der lateinischen und verschiedener evangelischer Kirchen. Diese Reise setzte den Besuch von Frère Matthew fort, dem Prior der Communauté von Taizé, der im Dezember zusammen mit Frère Francis vor dem Europäischen Treffen in Paris in der Ukraine war. Am Treffen in Paris hatten 15.000 junge Menschen aus ganz Europa teilgenommen, darunter etwa eintausend aus der Ukraine. „Für Frère Matthew waren diese Menschen lebendige Zeichen dafür, dass das Licht tatsächlich in der Finsternis leuchtet und dass die Dunkelheit es nicht auslöscht“, erinnert sich Frère Benoît.

 

Wie war die Lage in der Ukraine?

Die Monate Januar und Februar waren für die ukrainische Bevölkerung sehr schwer, mit sehr heftigen russischen Angriffe auf die Infrastruktur und das Energiesystem des Landes. Wochenlang gab es in verschiedenen Städten immer wieder Stromausfälle. In Kiew hatten ganze Stadtteile tagelang keinen Strom. Der Winter war extrem hart, härter als in den letzten Kriegsjahren. Doch trotz der Minustemperaturen, der fehlenden Heizung und der unaufhörlichen Angriffe gibt es auch Zeichen von Mut und Hoffnung. In allen Städten wurden „Inseln der Resilienz“ eingerichtet: Orte, an denen die Menschen ihre Handys aufladen können und einen geheizten Raum finden. Diese Zentren gibt es in allen Städten; sie werden von Caritas und dem Caritas-Spes-Netzwerk sowie von verschiedenen Organisationen gemeinsam unterstützt. In Kiew wurde in der Gemeinde der Pallottiner ein solches Zentrum unter dem Namen „Ort der Wärme und der Hoffnung“ eingerichtet. Im Nebenraum wurde mit Unterstützung der „Operation Hoffnung“ von Taizé eine Waschküche installiert. Wir konnten all das aus nächster Nähe miterleben.

 

Wer ist von dieser Situation am stärksten betroffen?

In erster Linie sind es ältere Menschen und Menschen mit Behinderung. In Charkiw haben wir eine sehr schöne Einrichtung für blinde Menschen besucht, die von einem orthodoxen Priester – der selbst blind ist – ins Leben gerufen wurde, um Kriegsveteranen und auch Zivilisten einen Weg zur sozialen Integration zu ebnen. Ich denke aber auch an die Kinder. Da sind zunächst einmal diejenigen, die im Krieg ihren Vater, einen Bruder oder ein anderes Familienmitglied verloren haben. Für alle Menschen heulen jeden Tag die Sirenen, und sie müssen in die Bunker flüchten – das hinterlässt tiefe Spuren. Viele Kinder leiden unter dem Krieg; vielleicht nicht immer unmittelbar, aber es ist offensichtlich, dass viele von ihnen ein inneres Trauma davontragen, das nur langsam heilen wird.

 

Ihre Gemeinschaft steht den Jugendlichen besonders nahe. Welchen Eindruck haben Sie von ihnen? Sind sie noch in der Lage, an die Zukunft zu denken?

Ich war wirklich überrascht: In allen Städten, die wir besucht haben – in Lemberg, Ternopil, Kiew, Poltawa und sogar in Saporischschja – haben wir junge Leute kennengelernt, die zwar erschöpft sind, aber entschlossen nach vorne schauen. Viele von ihnen starten Solidaritätsinitiativen: Sie unterstützen die Soldaten an der Front, engagieren sich im sozialen Leben und helfen den Schwächsten. Für mich ist das eine sehr starke Botschaft: Diese jungen Menschen leben nicht nur durch den Krieg in einer sehr schwierigen Situation, sondern tun auch noch Außergewöhnliches für andere. Wir haben Menschen aus dem Osten des Landes getroffen, zum Beispiel aus dem Donbass, die nach so viel Leid zu Zeichen der Hoffnung für ihre Mitmenschen geworden sind. Es ist wirklich bewegend zu sehen, wie Menschen, die so viel gelitten haben, dennoch Verantwortung für andere übernehmen. Das ist ein Zeichen für die Zukunft – eine Zukunft des Friedens, aber eines Friedens, der auch Gerechtigkeit und Freiheit bedeutet. Über Frieden zu sprechen ist nicht einfach. Es ist nicht leicht, sich eine Zukunft des Friedens vorzustellen, während die Angriffe Tag für Tag weitergehen.

 

Die Ukrainer haben eine unglaubliche Widerstandskraft. Aber wie kommt es, dass sie nach vier Jahren Krieg nicht der Verzweiflung erliegen?

Es stimmt: Die Ukrainer beweisen eine Widerstandskraft, die Bewunderung weckt. Während unserer Solidaritätsreise in die Ukraine waren wir Brüder tief bewegt von dieser inneren Stärke, die so viele Menschen trotz der immensen Schwierigkeiten besitzen. Unzählige Familien trauern um einen Angehörigen. Doch jedes Mal stelle ich in der Ukraine fest, dass Hoffnung hier kein naives Gefühl ist, aber auch keine Verleugnung des Leids. Sie ist eine tägliche Entscheidung, die aus konkreter Solidarität, aus gegenseitiger Hilfe unter Freunden und Nachbarn, aus dem gemeinsamen Gebet und aus der Überzeugung entsteht, dass Freiheit und Menschenwürde letztendlich über die Gewalt siegen werden. Diese Hoffnung wird auch durch die Gewissheit genährt, nicht vergessen zu sein: Eine geschwisterliche Präsenz, und sei sie noch so einfach, ist bereits ein Licht. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an die junge Ukrainerin, Sofiia, die am letzten Abend des Europäischen Treffens in Paris während des gemeinsamen Gebets zu den anwesenden Jugendlichen sprach. Sie schloss mit den Worten: „Dank euch allen fühlen wir uns gesehen und gehört; eure Unterstützung hilft uns, am Licht des Glaubens festzuhalten.“

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Veröffentlicht am 22.03.2026