Paris 2025/26

Gedanken von Frère Matthew

Tomek Bickersteth

Auf dieser Seite erscheinen vom 29. bis 31. Dezember jeden Tag Gedanken von Frère Matthew.

 

Montag, 29. Dezember

Herzlich willkommen euch allen, die ihr aus ganz Europa und darüber hinaus gekommen seid, um mit uns vier Tage in Gebet und Gespräch hier in Paris und der Île-de-France zu verbringen.

Ich möchte sagen, wie sehr mich die Anwesenheit der über 1000 jungen Ukrainer freut. Ihr seid für uns ein Zeichen der Hoffnung auf Frieden, die wir alle im Herzen tragen: „Ми з вами” (me zvami) – Wir sind mit euch!

Ihr wurdet gestern in den Gastgemeinden alle von einer Familie aufgenommen. Im Namen meiner Brüder möchte ich allen danken, die euch ihre Türen geöffnet haben.

Diese Gastfreundschaft ist ein starkes Zeichen, das direkt aus dem Herzen des Evangeliums kommt: Einfache und bedingungslose Gastfreundschaft ist ein Widerschein der Liebe Gottes. Es ist die Freude, zusammenzukommen und sich wie zu Hauses zu fühlen.

Als Jesus diejenigen, die ihm nachfolgen wollten, fragte: „Was sucht ihr?“, antworteten diese: „Wo wohnst du?“ – Dann gingen sie mit Jesus mit und verbrachten den Tag bei ihm. So fragt er jeden von uns: „Was suchst du?“ Behaltet diese Frage in diesen Tagen im Herzen, damit eine Antwort darauf entstehen kann.

Heute Abend beten wir in mehreren Kirchen von Paris und in den Kathedralen von Créteil, Evry, Nanterre und St-Denis. Morgen früh geht das Programm in den Kirchengemeinden weiter, bevor ihr wie heute zum Mittagsgebet nach Paris kommt. Nach den Workshops am Nachmittag treffen wir uns dann alle zum Abendgebet in der Accor-Arena in Paris-Bercy.

Dienstag, 30. Dezember

Wie schön ist es, als Brüder und Schwestern zusammen zu sein! In den letzten Tagen waren wir über die Île-de-France und Paris verteilt und waren zum Gebet in Kirchen verschiedener Konfessionen. Jetzt können wir an einem Ort beten, ein sichtbares Zeichen unserer Einheit in Christus mit all unserer Vielfalt.

Vor drei Tagen bin ich aus der Ukraine zurückgekommen. Ich habe dort Weihnachten verbracht und war zusammen mit einem meiner Brüder bei Christen zu Gast, die alles tun, um mitten im Krieg Menschen zuzuhören und beizustehen. Sie helfen konkret anderen, deren Häuser zerstört wurden, ein neues Zuhause aufzubauen. Wir haben an den Gräbern von Menschen gebetet, die ihr Leben für die Freiheit ihres Landes geopfert haben.

Wenn Christen auf diese Weise anderen dienen, bauen sie dann nicht eine gerechtere Welt? Sind sie nicht Widerschein der Liebe, die Gott zu jedem einzelnen Menschen hat, Sauerteig im Teig? So wird die Kirche zu einem Ort, an dem sich alle zu Hause fühlen können.

Das Evangelium, das wir gerade gehört haben, spricht vom Haus Gottes. Der Evangelist Johannes stellt die Szene, in der Jesus die Händler aus dem Tempel vertreibt und die Tische der Geldwechsler umwirft, an den Anfang des öffentlichen Wirkens Jesu.

Jesus macht eine Peitsche aus Stricken – nirgends sonst sehen wir Jesus so handeln. Was bedeutet das? – Ein Kampf gegen die Ungerechtigkeit eines Wirtschaftssystems? Eine Aktion, um das Haus seines Vaters als heiligen Raum wiederherzustellen? Später werden seine Freunde diese Geste im Lichte von Psalm 69 interpretieren und verstehen, dass er aus Liebe zu dem Haus, das Gott gehört, gehandelt hat.

Jesus kündigt mit den Worten „Reißt dieses Heiligtum nieder, und in drei Tagen werde ich es wieder aufbauen!“ seinen Tod und seine Auferstehung an, er öffnet einen weiten Horizont. Auf dem Rückweg nach Galiläa begegnet er einer Samaritanerin, und wir verstehen, dass er uns durch seine Auferstehung eine Gemeinschaft im Geist schenkt, in der wir Gott so anbeten können, wie wir sind und wo wir sind.

Wenn wir mit anderen beten, werden wir zu einem Haus Gottes – das Heiligtum wird überall dort errichtet, wo wir uns im Namen Christi versammeln – und wir können uns dort zu Hause fühlen. Diese Gemeinschaft ist auch ein Weg der Heilung und der Fülle des Lebens, der uns zum Haus des Vaters führt.

Morgen hören wir beim Mittagsgebet wie Jesus bis zu seinem letzten Atemzug all denen ein Zuhause bereitet, die er liebte, der ganzen Menschheit.

In der Ukraine habe ich zerstörte Häuser gesehen, aber auch ein Leben, das ständig neu entsteht und sich nicht unterdrücken lässt. Unser europäisches Haus, das nach den Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs wieder aufgebaut wurde, mag erneut in Trümmern liegen, aber wir können uns gemeinsam mit mutigen Frauen und Männern engagieren, die alles geben, um es zu neuem Leben zu erwecken. Unsere Werte sind nach wie vor da. Wie können sie helfen, unseren Horizont zu erweitern, damit unser Blick weit wird und wir uns für ein europäisches Haus einsetzen, in dem sich alle zu Hause fühlen?

Dies geschieht durch ganz einfache Gesten: aufeinander zugehen, miteinander reden und zuhören, auch wenn man den anderen nicht in allem versteht und wo wir nicht zusammen beten können. So entdecken wir eine bereits bestehende Realität, in der Gerechtigkeit herrscht, obwohl sie unseren Augen verborgen ist.

Seit vielen Jahren unternimmt unsere Communauté von Taizé einen Pilgerweg des Vertrauens. Hie und da wird dieser Pilgerweg sichtbar, wie jetzt bei diesem Europäischen Treffen in Paris, aber auch in Taizé, mit den wöchentlichen Jugendtreffen, zu denen wir euch herzlich einladen.

So können wir uns auf unserem täglichen Glaubensweg Mut machen und uns von Christus immer wieder fragen lassen: „Was suchst du?“ Diese Frage bereitet uns auf die Herausforderungen vor, denen wir begegnen, wo immer wir auch sind.

Und wo findet unser nächstes Europäisches Treffen statt?

Es findet in einem Land statt:

das 9296 Seen hat

in dem eine slawische Sprache gesprochen wird

in einer Stadt, die durch das Zusammentreffen vier verschiedener Kulturen geprägt ist: der katholischen, evangelischen, orthodoxen und jüdischen

die zwei sehr gute Fußballmannschaften hat

mit einem Namen, der nicht leicht auszusprechen ist.

Das nächste Europäische Treffen findet in der Stadt Łódź in Polen statt!

Mittwoch, 31. Dezember

In den letzten Tagen habt ihr gehört, wie Jesus jedem und jeder von uns die Frage stellt: „Was suchst du?“ – Welche Antwort ist euch im Gebet, im Gespräch und Nachdenken und in der Stille der Einsamkeit gekommen?

Möge das, was euch gekommen ist, euch in den Wochen und Monaten nach dem Europäischen Treffen begleiten. So könnt ihr den hier in Paris und Umgebung begonnen Weg fortsetzen.

Gemeinsam mit anderen in unseren Seelsorgeeinrichtungen und Gemeinden unterwegs zu sein, kann eine große Unterstützung sein auf unserem persönlichen Weg. Sind wir bereit, immer mehr in das Geheimnis des Leibes Christi, seiner Kirche, einzutreten, wo wir nur alle zusammen eins sein können? Wie können wir auf die Wünsche derer eingehen, die sich weit vom Vertrauen auf Gott entfernt fühlen?

Von unseren Antworten auf die Frage Jesu scheint mir eine wahrscheinlich uns allen gemeinsam zu sein. Im „Brief für das Jahr 2026“ habe ich geschrieben: „Wir sehnen uns nach Frieden – nach innerem Frieden und nach Frieden in dieser Welt, die Gott so sehr liebt. ‚Beginne das Werk des Friedens in dir selbst, damit du, sobald du Frieden gefunden hast, anderen Frieden bringen kannst!‘“, sagte Ambrosius von Mailand.

Innerer Frieden, Frieden in der Welt: Wir alle sehnen uns danach. Und doch sagt uns Ambrosius, dass wir diesen Frieden zuerst in uns selbst finden müssen. Wie soll das gehen, wenn alles um uns herum darauf hindeutet, dass der Friede weit entfernt ist und es ihn gar nicht zu geben scheint?

Heute Abend haben wir das Evangelium gehört, das uns von der Begegnung zwischen Maria von Magdala und Jesus nach seiner Auferstehung erzählt. Die Freunde Jesu waren nach seinem Tod beunruhigt und hatten Angst vor Verfolgung. Maria geht am frühen Morgen des ersten Tages der Woche zum Grab Jesu. Ihre Trauer ist groß: Der Stein vor dem Eingang war weggerollt worden und der Leichnam Jesu nicht mehr da.

Eine Begegnung mit Boten Gottes, die sie nach dem Grund ihrer Trauer fragen, geht dem Erscheinen Jesu voraus. Dieser fragt sie: „Frau, warum weinst du?“, und fügt hinzu: „Wen suchst du?“ Maria erkennt ihn nicht und fragt zurück, weil sie ihn für einen Gärtner hält.

Aber als Jesus Maria bei ihrem Namen nennt, erkennt sie ihn und die persönliche Beziehung ist wiederhergestellt. Überraschung und Freude überwältigen sie. Jesus will nicht, dass sie ihn für sich behält, sondern dass sie aus ihm für andere lebt. Er sendet sie als Apostelin der Apostel aus, um die frohe Botschaft zu verkünden, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat. Die Gemeinschaft zwischen Jesus und seinem Vater steht damit allen offen, die ihn lieben.

In dieser Beziehung zum auferstandenen Christus kehrt der Friede zu Maria zurück. Das „Was sucht ihr?“ am Anfang des Johannesevangeliums wird zu „Wen suchst du?“. Und wenig später werden die ersten Worte Jesu an seine Freunde, die noch immer in Angst gefangen sind, lauten: „Der Friede sei mit euch!“

Auch wenn wir wie Maria von Magdala Christus nicht erkennen, steht er als Auferstandener an unserer Seite. Wenn wir Angst haben, kommt er auf uns zu und schenkt uns seinen Frieden. Und er vertraut uns allen eine Mission an: diesen Frieden nicht für uns selbst zu behalten, sondern sein Werk der Versöhnung fortzusetzen und Pilger des Friedens zu werden.

Werden auch wir alles tun, um den Frieden Christi für andere zu leben? So wird auf unserem europäischen Kontinent und in der Welt neue Hoffnung entstehen.

In der Ukraine, in Lwiw, Ternopil und Saporischschja, habe ich so viele mutige Menschen getroffen, die geweint haben, aber oft aufgrund ihres Glaubens wie Maria Magdalena wieder aufgestanden sind, um anderen die frohe Botschaft zu bringen, dass das Leben stärker ist als der Tod. Sie sind lebendige Zeichen dafür, dass das Licht, das wir in diesen Weihnachtstagen feiern, tatsächlich in der Finsternis leuchtet und dass die Finsternis es nicht ergreifen konnte.

Unser Europäisches Treffen neigt sich dem Ende zu. Ich möchte noch einmal den Familien und Kirchengemeinden danken, die uns so herzlich aufgenommen haben. Nach dem nächsten Gesang werden wir den Segen der verschiedenen Kirchenverantwortlichen empfangen. Aber heute Abend um 23 Uhr werdet ihr in euren Gastgemeinden mit einem Gebet für den Frieden ins neue Jahr gehen.

Ich möchte keine großen Worte machen, sondern euch einfach einladen, für den Frieden in unseren europäischen Ländern zu beten, damit sie für alle offen sind, und für die Ukraine, die Zeugin des Kampfes für die Freiheit ist und mit ihrer Hoffnung auf einen gerechten Frieden Widerstand leistet, für Palästina (vergessen wir nicht die Verlassenen im Gazastreifen) und Israel, den Sudan, Myanmar und alle Länder, in denen Krieg herrscht. Lasst uns auch für diejenigen beten, die unter unterdrückerischen Regimen nach Gerechtigkeit suchen.

Paris 2025/26

Veröffentlicht am 29.12.2025