Gedanken von Frère Matthew

Vergiss den Schatz deines Glaubens nicht

Donnerstag, 21. August 2025
Juozas Kamenskas

Diese Woche freuen wir uns besonders über mehrerer Gruppen orthodoxer Christen aus verschiedenen Ländern, die diese Woche unter uns sind, um uns  einen Einblick in ihren orthodoxen Glauben zu geben. Historisch gesehen und auch heute noch leben viele orthodoxe Christen in der östlichen Hälfte des europäischen Kontinents. 

Morgen feiern wir anstelle des Abendgebets die orthodoxe Göttliche Liturgie, zu der alle eingeladen sind.   Diejenigen von uns, die aus den westlichen Kirchen kommen, können das gesegnete Brot empfangen, während die orthodoxen Pilger die Kommunion empfangen.

Papst Johannes Paul II. hat oft gesagt, dass die Kirche mit beiden Lungenflügeln atmen muss: dem Östlichen und dem Westlichen. Diese Woche haben wir dies durch verschiedene Workshops und Gottesdienste getan. Auch wenn die Spaltungen fortbestehen, spüren wir doch etwas von der ungeteilten Kirche, die eins ist in Christus, der nicht geteilt werden kann.

Deshalb danke ich unseren orthodoxen Freunden für ihre Anwesenheit und ihr Zeugnis diese Woche. In gewisser Weise ist eure Tradition durch die Ikonen in unserer Kirche hier in Taizé immer sichtbar. Viele von ihnen wurden von orthodoxen Bischöfen gesegnet. Wenn wir vor diesen Ikonen beten, öffnet sich ein Fenster und wir können im Gebet in die Geheimnisse des Lebens Jesu – seines Todes und seiner Auferstehung – und der Dreifaltigkeit eintreten.

In diesen Tagen haben wir in der Communauté an Frère Roger gedacht, der das gemeinsame Leben hier in Taizé begonnen hat. Am vergangenen Samstag, den 16. August, jährte sich sein gewaltsamer Tod in dieser Kirche zum 20. Mal. Ein Video der einer Gesprächsrunde aus diesem Anlass sowie des Abendgebets, in dem wir für sein Leben gedankt haben, stehen auf unserer Webseite zur Verfügung.

Mit 25 Jahren verließ Frère Roger damals seine Schweizer Heimat und ließ sich in Taizé nieder. Vor 85 Jahren, am 20. August 1940, kam er hier an.

Taizé ist zu einem Ort der Versöhnung unter den Christen geworden. Aber Frère Roger​ im August 1940 mit dem Fahrrad aus Cluny hier ankam, hatte er ein gemeinsames Leben und die Solidarität mit den Ärmsten im Sinn. Eine alte Frau, der er erzählte, dass er ein Haus suche, sagte zu ihm: „Bleiben Sie hier, wir sind so allein.“ Später sagte er, er habe in diesen Worten die Stimme Gottes gehört. Er kaufte ein Haus, begann zu beten, zu arbeiten und Flüchtlinge, darunter auch Juden, aufzunehmen. Nach dem Krieg nahmen er und die ersten Brüder dann deutsche Kriegsgefangene auf.

Frère Roger erzählte oft, dass er in seiner Jugend orthodoxe Christen kennengelernt hatte, die aus ihrer Heimat vertrieben worden waren. Später haben Brüder von uns Christen, darunter auch Orthodoxe, im kommunistischen Osteuropa hinter dem sogenannten „Eisernen Vorhang“ besucht. Für Frère Roger war es der Glaube an die Auferstehung Christi, der diesen Glaubenden die Kraft gab, standhaft zu bleiben, als sie oft um des Evangeliums willen verfolgt wurden.

Ich erinnere mich an den ersten orthodoxen Priester, den ich Ende der 1980er-Jahre in Taizé traf. Frère Roger fragte ihn, wie er angesichts der Härte des Regimes noch glauben könne – ohne Religionsfreiheit, ohne Bibeln. Der Priester antwortete darauf: „Die Geheimnisse des Reiches Gottes sind immer unter uns, in unseren Herzen, und der Heilige Geist verlässt uns nicht.“

Später konnte ich zusammen mit anderen Brüdern selbst orthodoxe Christen besuchen. Die Schönheit ihrer Gottesdienste hat mich tief berührt, und auch wenn ich nicht alles verstand, war es doch wie der Himmel auf Erden. Die Freude der Osterliturgie werde ich nie vergessen, mit dem Gruß „Christus ist auferstanden – er ist wahrhaft auferstanden!“, der so oft von ganzem Herzen wiederholt wird.

Den jungen orthodoxen Gläubigen unter uns möchte ich sagen: Vergesst den Schatz eures Glaubens nicht, der oft unter sehr schwierigen Umständen durchgehalten hat. Selbst wenn der Glaube von den Regimen instrumentalisiert wurde, hat das Vertrauen der einfachen Gläubigen in die Auferstehung Jesu, das Verständnis, dass Tod und Leiden niemals das letzte Wort haben werden, Wege der Befreiung und sogar des Friedens bereitet.

Heute Abend haben wir gehört, wie Jesus im Evangelium zu uns sagt: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.“ Es geht nicht darum, zu leugnen, wer wir als Menschen sind, sondern unseren Blick auf Jesus zu richten und mit ihm zu gehen. Das mag dazu führen, dass wir dem Kreuz begegnen, aber wenn wir einfach nur an dem festhalten, was wir haben, wie könnten wir dann die Fülle des Lebens entdecken, das Leben der Auferstehung, das Jesus uns schenkt?

Wagen wir es, Jesus in jedem Moment seines Weges nachzufolgen? Diese Herausforderung liegt vor uns allen.

Und nun wird Nazar, ein junger orthodoxer Seminarist, einige Worte an uns richten:

Was die Ukrainer durch den Krieg am meisten gelernt haben ist, im Augenblick zu leben. Momente der Freude und des grenzenlosen Glücks sind mit Verzweiflung, Schmerz und Tod verbunden. Der Krieg hat alle getroffen, niemand ist davon verschont geblieben. Eine ganze Familie zu begraben; zum letzten Mal den erkalteten Körper eines Neugeborenen zu küssen, der gerade aus den Trümmern eines Hauses geborgen wurde; an seine Kampfposition zu fahren und zu wissen, dass man vielleicht nie mehr zurückkehrt – all das macht selbst das härteste Herz weich.

Die Ukrainer haben gelernt zu lieben und die Menschen so zu sehen, wie sie wirklich sind, unter Beschuss zu leben und in den Mauern einer zerstörten Schule Klavier zu spielen. Wir haben gelernt, trotz des Todes, den der Krieg mit sich bringt, zu leben, dank Gott und seiner unendlichen Liebe.

Seit dem 24. Februar mussten ukrainische Familien Trennungen erleben. Auf unserem Weg nach Taizé machten wir Halt in Breslau, wo wir meinen Vater trafen, den ich seit vier Jahren nicht mehr gesehen habe. Ein Treffen, das von der größten Freude der letzten vier Jahre erfüllt war ... Ich habe während des gesamten fünfminütigen Gesprächs geweint ... fünf Minuten, die für immer in meinem Herzen bleiben werden.

Ich appelliere an alle: „Die Ukrainer sind dankbar für die Unterstützung und für eure Gebete, deshalb bitten wir alle: Betet für den Frieden in der Ukraine, betet für unsere Kinder und unsere Familien!“

Den jungen Ukrainern, Bischof Efrem und den Priestern, die diese Woche mit euch gekommen sind, möchte ich sagen, dass wir euch nicht vergessen! Ich hoffe, dass zwei meiner Brüder euch schon bald besuchen können. Das soll ein Zeichen unserer Solidarität mit euch in dieser für euer Land schwierigen Zeit sein.

Ich möchte euch alle einladen, morgen Abend schon um 20 Uhr in die Kirche zu kommen, um gemeinsam mit uns für den Frieden auf der Welt zu beten. Wir beten für Frieden und Gerechtigkeit in der Ukraine, aber auch im Gazastreifen, im Westjordanland, im Sudan, in Haiti, Nicaragua und anderen Ländern, die von Krieg und Gewalt heimgesucht werden. Wir beten aber auch für Menschen, die unter unterdrückerischen Regimen für ihre Freiheit kämpfen, und für alle festgehaltenen Geiseln.

Wir werden in Stille beten, denn oft ist es schwierig, Worte zu finden. Aber dieses Gebet ist bereits ein Zeichen der Solidarität mit denen, die leiden.

Und wir hoffen, alle von euch, die zwischen 18 und 35 Jahre alt sind, zwischen dem 28. Dezember und dem 1. Januar in Paris und Umgebung zum jährlichen Europäischen Treffen wiederzusehen.  Schon bald brechen Brüder der Communauté, Schwestern und Freiwillige auf, um das Treffen vorzubereiten. Der Empfang der katholischen, evangelischen und orthodoxen Kirchen ist so herzlich, dass jede/r von euch unterkommt!

Kann dieses Treffen ein Zeichen des Friedens und der Geschwisterlichkeit sein, ein Spiegelbild des Reiches Gottes, in Europa und in der ganzen Welt, in der Spaltung und Polarisierung oft überhandnehmen? Kommt und macht alle mit!

Gedanken und Meditationen

Veröffentlicht am 22.08.2025