Betrachtungen während der Mittagsgebete
Auf dieser Seite erscheinen die Betrachtungen, die während der drei Mittagsgebete des Europäischen Treffens in Paris gegeben wurden.
MONTAG, 29. DEZEMBER
Sr. Nathalie Becquart
Johannes 1,35–39
Im Johannesevangelium tritt Johannes der Täufer als Zeuge auf. Er richtet seinen Blick auf Jesus, der vorbeigeht, und weist andere auf ihn hin: „Seht, das ist das Lamm Gottes.“ Die beiden Jünger hören, was er sagt, vertrauen ihm und folgen Jesus nach.
Wenn wir heute zum Pilgerweg des Vertrauens in Paris zusammengekommen sind, sind wir vielleicht auch bereit, Jesus nachzufolgen, oder sind zumindest von ihm fasziniert. Wenn wir aus ganz Europa hierhergekommen sind, um gemeinsam zu beten, dann deshalb, weil wir etwas oder jemanden suchen. Diesen Jesus, der uns anzieht und uns über alle Grenzen hinweg so zahlreich zusammenführt. Was damals in Bethanien jenseits des Jordans begann, setzt sich heute hier fort. Die Brüder von Taizé und so viele andere Zeugen auf unserem Weg weisen uns auf Jesus hin, der unter uns gegenwärtig ist.
„Was sucht ihr?“ Jesus stellt uns diese Frage ebenso wie den Jüngern, die auf ihn zugehen. Er beginnt einen Dialog, so wie er heute durch sein immerwährendes Wort auch mit uns in einen Dialog tritt. Nehmen wir uns Zeit, diese existenzielle Frage in uns nachhallen zu lassen: „Was sucht ihr?“ Welche Sehnsucht treibt uns eigentlich an? Versuchen wir, diese Frage für uns selbst zu beantworten.
Die Jünger antworteten mit einer Gegenfrage: „Meister, wo wohnst du?“ Mit anderen Worten: „Wer bist du wirklich? Kann man mit dir eine authentische Erfahrung machen?“ Dies ist Ausdruck des Verlangens nach einer echten Beziehung. Sie lassen sich von Jesus einladen, der ihnen antwortet: „Kommt und seht!“ Sie erleben eine Begegnung, die sie so beeindruckt, dass sie sich noch an die Uhrzeit erinnern: 4 Uhr nachmittags. „Bleiben“, ein Schlüsselwort im Johannesevangelium, geht weit über die rein physische Anwesenheit hinaus. Es bezeichnet tiefe Gemeinschaft, eine verwandelnde Beziehung, Liebe, die Wurzeln schlägt und Bestand hat.
Mit der Frage „Wo wohnst du?“ führen uns die Jünger in eine innere Suche. Wir alle sehnen uns nach Beziehungen, wir streben nach echten Begegnungen, in denen wir ganz wir selbst sein können und den anderen als Geschenk erfahren. Wir streben nach harmonischen Beziehungen: zu den anderen, zu uns selbst, zu Gott, zur gesamten Schöpfung. Wir sehnen uns nach Frieden und Versöhnung, denn in unserem Innersten sind wir Beziehungswesen und für Gemeinschaft geschaffen. Wir möchten geben und empfangen, zu einer Familie, einer Gemeinschaft und einem Volk gehören.
Jesus antwortet geradeheraus: „Kommt und ihr werdet sehen.“ Er lädt uns ein, eine Beziehung zu ihm und zu anderen einzugehen. Er lässt uns seine Wohnung entdecken, einem Abbild der Beziehung zum Vater. Er möchte Zeit mit uns verbringen, gemeinsam unterwegs sein, einander zuhören, Frieden und Gemeinschaft stiften, um Zeichen und Werkzeug der Einheit der Menschheit zu sein.
Seien wir während dieses 48. Europäischen Treffens wie die ersten Jünger bei Jesus und in ihm vereint, als Zeichen der Hoffnung inmitten einer Welt, die sich nach Frieden sehnt.
Bischof Loïc Lagadec, Lyon
Johannes der Täufer war bereits im Leib seiner Mutter Elisabeth vor Freude gesprungen, als Maria zu Besuch kam. Diesmal wechselt er von einer intuitiven Vorahnung zur Betrachtung des Angesichts.
Es ist, als ob er endlich sah, was er innerlich bereits verspürt hatte. Und er behält seine Erkenntnis nicht für sich, sondern erzählt anderen davon und berichtet, was er von Jesus verstanden hat, und bezeichnet ihn als den Messias.
Liebe junge Menschen, erzählt während dieser Tage des Europäischen Treffens anderen davon, was ihr im Herzen fühlt; schaut auf Jesus, richtet euren Blick auf ihn. Denn heute und während dieser Tage in Paris ist er mitten unter euch, so wie er es einst am Ufer des Jordans war.
Macht es wie die beiden Jünger von Johannes dem Täufer und zögert nicht, Jesus nachzufolgen, ihm zuzuhören, ihn zu verstehen und zu beobachten, wie er lebt und liebt.
Wenn ihr so unterwegs seid, werdet ihr spüren, wie Jesus sich euch zuwendet, und jedem von euch 2000 Jahre später dieselbe Frage stellt: „Was suchst du?“
Habt keine Angst vor euren Fragen und Wünschen, denn von ihnen ausgehend suchen wir Gott und treffen Entscheidungen für unser Leben. Habt keine Angst vor dem Blick, den Jesus auf euch richtet, denn es ist ein Blick unendlicher Güte, der einen Lebensweg aufzeigt.
Jesus lädt uns ein, uns mit ihm auf den Weg zu machen, um zu sehen … Und er gibt uns ein Versprechen, das unser Vertrauen stärkt: Kommt … und ihr werdet sehen! Vielleicht ist es überraschend, dass es hier nicht so ist wie im Rest unseres Lebens, wo wir alles schon im Voraus wissen wollen; bei Jesus nämlich wissen wir es erst, wenn wir uns auf den Weg gemacht haben.
Auf jeden Fall haben die beiden Jünger im Evangelium ihn gesehen und sich entschlossen, bei ihm zu bleiben. Offensichtlich hat es sich gelohnt!
Mögen diese Worte aus dem Johannesevangelium eure Hoffnung stärken: Ja, das ist es, woran ich glaube – wenn wir Jesus auf einem Weg des Glaubens nachfolgen, gibt es etwas zu entdecken!
Bischof Guillaume de Lisle, Meaux
Johannes 1,35–39
Was sucht ihr? Das ist die Frage, die Jesus denen stellt, die sich ihm anschließen. Das ist auch für uns heute eine gute Frage, da wir Für diese Tage des Treffens nach Paris gekommen sind. Was suchen wir? Was wünschen wir uns für unser Leben? Wohin wollen wir gehen? Um was zu tun?
Im Evangelium lädt Jesus Andreas und eine Person, deren Namen wir nicht kennen, ein, mit ihm zu kommen und zu sehen, wo und wie er lebt. Auch heute lädt Jesus uns ein, den christlichen Glauben als Zeichen seiner Gegenwart und seines Wirkens inmitten der Welt zu entdecken.
Um den Glauben der Christen zu verstehen, muss man nicht nur ihre Lehre hinterfragen, sondern auch ihr Handeln. Diese Hinterfragung ist nicht nur intellektueller Natur, sondern erfordert auch, tief in die christliche Wirklichkeit einzutauchen. Denn der Christ ist zwar ein Mensch des Fragens, aber auch ein Mensch der Tat. Er ist ein Mensch der Vernunft und des Herzens.
Nichts ist möglich, ohne ein wenig von unserer kostbaren Zeit zu opfern – in einer Zeit, in der alles schnell gehen muss. Auf andere zugehen, einander kennenlernen, dienen, sich selbstlos hingeben – all das braucht Zeit.
Um herauszufinden, was ich will und welchen Weg ich einschlagen möchte, muss ich innehalten. Innehalten, um mich umzuschauen und in mich hineinzuhorchen. Ich muss mir Zeit nehmen.
Das ist ein schönes Ziel für diese Tage in Taizé: Zeit mit den Menschen zu verbringen, denen ich begegne, um meinen Wunsch, meine Entschlossenheit und meine Richtung zu klären.
Pfarrer Stéphane Esclef
Johannes 1,35–39
Liebe junge Menschen, im Evangelium, das wir gerade gehört haben, beginnt alles mit einem ganz einfachen Satz: „Seht, das Lamm Gottes.“
Zwei Jünger hören diese Worte und machen sich auf den Weg. Sie wissen noch nicht, wohin sie gehen, aber etwas zieht sie an. Vielleicht geschieht genau das heute Mittag auch mit uns, die wir hier sind.
Da wandte sich Jesus um und fragte sie: „Was sucht ihr?“
Das ist keine Frage, um zu urteilen oder auf die Probe zu stellen. Es ist eine offene Frage, die sanft gestellt wird. Jesus ist sanft und von Herzen demütig.
Vielleicht richtet sich diese Frage heute an uns.
Hier in Paris, in der Basilika Sacré-Cœur.
Was suchen wir auf diesem Pilgerweg des Vertrauens, den die Communauté von Taizé organisiert?
Frieden? Ein Sinn für unser Leben? Ein Licht, das uns bei einer Entscheidung führt?
Oder vielleicht einfach einen Ort, an dem man zur Ruhe kommt? Um auf Gott zu hören, der von Herz zu Herz zu uns spricht.
Die Jünger antworten: „Wo wohnst du?“
Sie erwarten keine Erklärung, sondern einfach nur, dass man für sie da ist.
Sie wollen wissen, wo Jesus wohnt, wo man ihm begegnen kann.
Und Jesus antwortet einfach: „Kommt und seht.“
Er verspricht nicht, dass alles einfach wird. Er zwingt niemandem etwas auf.
Er lädt dazu ein, einen Schritt im Vertrauen zu wagen. Gemeinsam zu gehen. Einen Moment bei ihm zu verweilen.
Diese Einladung steht im Mittelpunkt dieses Treffens, das wir gerade erleben:
Mit Zuversicht voranschreiten, uns auf die Stille einlassen, Gott über unsere Worte und Unterschiede hinweg zu uns kommen lassen. Brüderlichkeit aufbauen.
Das Evangelium endet mit diesen schlichten Worten: „Sie blieben an jenem Tag bei ihm.“
Verweilen. Da sein. Die Stille spüren und beten.
Diese Basilika, die uns aufnimmt, die euch die Arme entgegenstreckt, ist das Haus des Herzens Jesu, das allen offensteht.
Möge diese Zeit uns als Moment des Friedens geschenkt sein, in dem jeder seine Last ablegen kann und in dem die Hoffnung sanft wachsen kann. Amen.
DIENSTAG, 30. DEZEMBER
Erzbischof Laurent Ulrich von Paris
Psalm 8: O Herr, wie groß ist dein Name auf der ganzen Erde!
Zunächst einmal wird dieser Psalm von einem Vers umrahmt: „O Herr, unser Gott, wie groß ist dein Name auf der ganzen Erde!“ Das ist nicht nur ein Stilmittel, sondern eine tief verwurzelte Haltung des jüdischen und christlichen Gebets: Unser Gebet beginnt und endet stets mit einem Lobpreis Gottes. Wenn wir zu Gott sprechen, dann deshalb, weil wir uns zu ihm hingezogen fühlen, weil wir zu ihm gehen, ihn bewundern und ihm unser Lob aussprechen wollen. Unser Gebet beginnt nicht mit einer Bitte, mit einer Klage über ein Leid oder mit einer Fürbitte, sondern immer mit der Freude, an der Erkenntnis Gottes teilzuhaben und zu wissen, dass er sich ansprechen lässt, so groß und beeindruckend er auch sein mag!
Dieses Lob wird von vielen geteilt: Man spricht von Kindern, von den Kleinen – nicht nur von Kindern, sondern auch von den einfachen Leuten, den Armen, den Demütigen, den Bescheidenen, denen, die sich nicht trauen, die in der Gesellschaft keine Rolle spielen … Die Geschichte des Glaubens, die Geschichte unserer Kirchen, ist voll von diesen Kleinen, die nicht aufhören zu beten, mit Gott zu sprechen, von Gott zu sprechen. Menschen, die wissen, dass sie im Leben niemals allein sind, selbst wenn es schwer ist, selbst wenn es so zerbrechlich ist, dass man glauben könnte, man würde sterben … Ich denke an den Hauptmann aus dem Evangelium, der sich wegen seines schrecklich leidenden Dieners an Jesus wandte: „Ich bin nicht würdig, dass du unter mein Dach trittst, aber sprich nur ein Wort, und mein Diener wird gesund.“ (Matthäus 8,8) Der Hauptmann war kein gläubiger Jude, sondern ein Vertreter der römischen Obrigkeit, der vielleicht einer anderen Religion angehörte – oder gar keiner. Er hätte denken können, er sei ausgeschlossen, er sei in diesem Sinne ein Geringer. Doch er scheute sich nicht, sich an Jesus zu wenden.
Qu’est-ce qui fait qu’on peut s’émerveiller ainsi ? La beauté de la nature, « ouvrage de tes doigts », dit le poète, le psalmiste. L’écologie nous fait redécouvrir cette merveille au milieu de laquelle nous habitons : elle est parfois terrifiante avec ses réactions, les catastrophes qui font régulièrement des victimes ; nous la maltraitons aussi et cela devient dangereux, toxique. N’empêche que c’est un miracle permanent. J’ai entendu il y a peu un biologiste exprimer son admiration pour ce qui se passe dans le corps humain. Oui, Seigneur, tu as donné à l’homme une place incroyable ; il peut mettre tout cela à son service, mais cela lui est comme prêté, mis à sa disposition.
Was versetzt uns in solch ein Staunen? Die Schönheit der Natur, „das Werk deiner Hände“, wie der Dichter, der Psalmist, sagt. Die Umwelt lässt uns dieses Wunder, in dessen Mitte wir leben, neu entdecken: Manchmal ist sie erschreckend, mit den Katastrophen, die immer wieder Opfer fordern; wir misshandeln sie auch, und das wird gefährlich, giftig. Dennoch ist sie ein beständiges Wunder. Vor kurzem hörte ich einen Biologen darüber staunen, was im menschlichen Körper alles vor sich geht. Ja, Herr, du hast dem Menschen einen unglaublichen Platz gegeben; er kann all das in seinen Dienst stellen, doch ist es ihm nur geliehen, zur Verfügung gestellt.
Doch er soll nicht glauben, er sei dessen Herr, dass es ihm gehöre! „Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, und doch krönst du ihn mit Herrlichkeit und Ehre, du setzt ihn über das Werk deiner Hände!“ All diese Güter, die dir zur Verfügung stehen, sind für alle bestimmt; sie sind dazu da, mit allen geteilt zu werden. Wenn du mehr hast als andere, dann gerade deshalb, damit auch andere davon profitieren. Und das wird für dich eine zusätzliche Gelegenheit sein, Gott zu danken, ihm zu danken, weil du geteilt hast, weil du andere an der Freude und dem Staunen teilhaben lässt, die im Herzen entstehen, wenn man teilt, wenn man auf andere achtet!
Depuis que le développement économique a rendu les pays de plus en plus interdépendants, que la mondialisation a redimensionné le monde, on a commencé de comprendre que l’enrichissement des uns scandalise les autres qui ont le sentiment d’être mis de côté et même d’avoir été utilisés sinon pillés ! La conscience de l’humanité s’en révolte et nous comprenons que ces injustices sont les causes les plus profondes des guerres. Le développement de tous et de tous les peuples conditionne la paix mondiale. Et la sagesse chrétienne nous inspire de travailler toujours à la disparition des inégalités : c’est Toi-même, Seigneur, qui nous y appelle.
Seitdem die wirtschaftliche Entwicklung die Länder immer stärker voneinander abhängig gemacht hat und die Globalisierung die Welt neu geordnet hat, haben wir begonnen zu begreifen, dass der Reichtum der einen bei den anderen Empörung hervorruft und diese das Gefühl haben, an den Rand gedrängt und sogar ausgenutzt oder gar ausgebeutet zu werden! Das Gewissen der Menschheit lehnt sich dagegen auf, und wir begreifen, dass diese Ungerechtigkeit die eigentliche Ursache von Kriegen ist. Die Entwicklung aller Menschen und Völker ist die Voraussetzung für den Weltfrieden. Und die christliche Weisheit inspiriert uns, stets auf die Beseitigung von Ungleichheiten hinzuarbeiten: Du selbst, Herr, rufst uns dazu auf.
O Herr, unser Gott, wie groß ist dein Name auf der ganzen Erde!
MITTWOCH, 31. DEZEMBER
Pfarrer Pierre Blanzat
Johannes 19,25–27.39–40
Erst vor zwei Tagen haben wir über die ersten Worte Jesu nachgedacht, wie sie im Johannesevangelium stehen: „Was sucht ihr?“ Die nützlichste Frage der Welt, die Frère Matthew in seinem Jahresbrief aufgreift, die der Keim all unserer Anfänge und der Schlüssel zu allen Möglichkeiten ist. Eine Frage, die so einfach und tiefgründig ist, dass sie jedes Gebet, jede gemeinsame oder einsame Meditation, jeden Tag des kommenden Jahres begleiten kann. Doch heute, am 31. Dezember, ist der letzte Tag des Kalenderjahres, und das Evangelium führt uns nach Golgatha, um dort jene Worte zu vernehmen, die zu den letzten gehören werden, die Jesus am Kreuz spricht. Wir betrachten Jesus, der ans Holz genagelt ist … und da frage ich mich: „Und du, Jesus, was suchst du?“ In diesem letzten Augenblick am Kreuz, was kann man da noch suchen … bevor man seinen letzten Atemzug tut?
Bevor Jesus seinen letzten Atemzug tat, schien er die zu suchen, die er geliebt und die ihn geliebt hatten. Und auch wenn viele von denen, die ihm gefolgt waren, für eine Weile geflohen waren, waren doch noch einige bei ihm: Maria, „seine Mutter, die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria Magdalena sowie der geliebte Jünger“. Was Jesus sucht, ist immer wieder, für sie zu sorgen; es scheint, als wolle er neue Beziehungen, neue Solidaritäten schaffen, damit die Gemeinschaft der Liebe, die er ins Leben gerufen hat, weiterlebt und sich noch vertieft: „Frau, siehe, dein Sohn, und du, siehe, deine Mutter.“ Und: „Von dieser Stunde an nahm ihn der Jünger zu sich.“ Bis zu seinem letzten Atemzug sucht Jesus danach und schafft es, eine Gemeinschaft der Liebe aufzubauen … damit „alles vollbracht sei“.
Heute ist der letzte Tag des Jahres, und während ich über dieses schmerzvolle und große Geheimnis des Kreuzes meditiere, denke ich an all jene Mütter, die standhaft bleiben, standhaft bis zum Ende … Standhaft an der Seite ihrer Söhne; ich denke an seine Schwestern, an seine geliebten Freunde, die – machtlos – mitansehen müssen, wie ihnen nahestehende Menschen sterben. Ich denke an all diese Männer – manchmal schon in fortgeschrittenem Alter –, die wie Nikodemus, der diskrete Sucher in der Nacht, und Josef von Arimathäa respektvoll einen leblosen Körper holen – ein so junges Opfer des Wahnsinns, der Ungerechtigkeit, der Dummheit und des Hasses. Diese Männer, die nicht stärker sind als wir, aber ihr Möglichstes tun, um einen leblosen Körper in ihren Armen zu tragen; ihm eine würdige letzte Ruhestätte zu geben und die Gebete zu wiederholen und die Gesten von jeher zu vollziehen … denn jedes Leben ist einzigartig und unersetzlich, und es macht Sinn – selbst inmitten entmenschlichenden Wahnsinns –, jedes menschliche Leben mit unendlicher Achtung zu würdigen. Wir denken in diesem Moment so sehr an sie: Christus ist bei ihnen.
Zweifellos konnten sich Nikodemus und Josef von Arimathäa an jenem Tag nicht vorstellen, dass sie, als sie diesen Leichnam in die Tiefen der Erde legten, in Wirklichkeit ein Samenkorn des Lebens beisetzten, das schon bald die Welt aufrütteln würde. Sicherlich konnte sich der geliebte Jünger in dieser Stunde nicht vorstellen, dass er zusammen mit Petrus den „Lauf“ oder besser gesagt den „Sprint“ seines Lebens zum leeren Grab machen würde … und Maria Magdalena war meilenweit davon entfernt, sich den weiteren Verlauf dieses Sprints vorzustellen … und die unbeschreibliche Freude, die Stimme des Auferstandenen zu hören, der ihr persönlich die schönste Frage aller Zeiten stellt: „Maria, wen suchst du?“ “ Ja, es ist der letzte Tag des Jahres, und wir stehen noch immer am Fuße des Kreuzes: und wir suchen noch immer … oder vielmehr suchen wir bereits das Leben, den Frieden, die Freundschaft: die Kraft der Liebe, die die Nacht durchbricht und die Welt erheben wird – daran zweifeln wir nicht! Schon jetzt, zusammen mit Nikodemus, Josef, dem geliebten Jünger, Maria, der Mutter Jesu, und Maria Magdalena … und all jenen, die in diesem Augenblick auf die eine oder andere Weise die Wirklichkeit des Kreuzes erfahren, suchen wir entschlossen und voller Zuversicht und erwarten den Anbruch des kommenden Tages … Amen.
Bischof Emmanuel Tois, Paris
Johannes 19,25–27.39–40
Drei Frauen stehen neben Jesus: seine Mutter, die Schwester seiner Mutter, die Maria heißt, die Frau des Kleophas, und Maria Magdalena. Dort steht auch ein Mann neben der Mutter Jesu; es ist der Jünger, den Jesus liebte.
Nach dem Tod Jesu herrscht Aufregung. Es ist der Tag der Vorbereitung auf das jüdische Passahfest, man darf die Leichname nicht am Kreuz hängen lassen, man muss sich beeilen: schnell einbalsamieren, schnell ins Grab legen. Und genau dort, ganz in der Nähe, befindet sich ein Grab.
Nikodemus brachte eine Mischung aus Myrrhe und Aloe mit. Woran denkt er wohl? Weiß er, dass die Weisen einst in der Krippe dem Jesuskind Myrrhe dargebracht hatten? Denkt er vielleicht eher an das lange Gespräch, das er mit Jesus geführt hatte? Jesus hatte ihm in jener Nacht gesagt: „Niemand kann in das Reich Gottes kommen, wenn er nicht aus Wasser und Geist geboren wird.“ Erinnert er sich an den Moment, als er im Gegensatz zu den Volksführern und Pharisäern gefordert hatte, Jesus nicht zu verurteilen, ohne ihn zuvor angehört zu haben?
Auf jeden Fall ist Nikodemus da. Zusammen mit den drei Frauen und dem Jünger, den Jesus liebte. Sie sind aus Treue zu Jesus da. Sie sind auch für uns da.
Heute Morgen oder auch jedes Mal, wenn wir uns beim Abendgebet um das Kreuz versammeln, stehen uns diese fünf zur Seite, um uns zu helfen, den Sinn dieses sinnlosen Todes zu verstehen, zu begreifen, warum es so weit kommen musste, damit Jesus, der Mensch gewordene Gott, den Menschen vor dem Bösen und dem Tod retten konnte. Sie sind da, um auch uns zu helfen, all diese sinnlosen Tode zu verstehen, oder vielmehr zu ahnen, dass sie nicht das Ende von allem sind, und uns hoffen zu helfen. Die fünf sind auch bei uns, um uns zu helfen, unser persönliches Kreuz zu tragen und zu glauben, dass uns der Auferstandene danach sein Licht zeigen wird. Uns ein Danach schenken wird. Ein Danach nach dem Kreuz.
Nehmen wir heute Morgen eine dieser fünf Frauen als Gefährtin, als Begleiterin. Sei es Maria, seine Mutter, die Jesus uns fortan als unsere Mutter schenkt. Sei es Maria, die Mutter des Kleophas, über die wir so wenig wissen, außer dass sie da war. Sei es Maria Magdalena, die erste Zeugin der Auferstehung. Sei es der Jünger, den Jesus liebte, der von seinem Meister den Auftrag erhält, die Mutter der Schmerzen aufzunehmen, und dem der Meister selbst sie zur Mutter gibt; er ist jener Jünger, dessen Identität so geheimnisvoll ist, dass er jeder von uns sein könnte. Sei es schließlich Nikodemus, der in seiner Trauer bereit ist, Jesus über den Tod hinaus zu dienen.
Wählen wir einen von ihnen aus, damit er uns von nun an begleitet, wenn wir eine Last am Fuße des Kreuzes niederlegen. Mit ihr, mit ihm werden wir stärker sein. Mit ihr, mit ihm werden wir das Licht in der Nacht aufgehen sehen.
Pfarrerin Anne Faisandier
Johannes 19,25–27.39–40
In der letzten Stunde, als Jesus am Ende seines irdischen Weges angelangt ist, sind kaum noch Menschen um ihn herum. Auch die Jünger sind fast alle verschwunden. Nur im Johannesevangelium bleibt einer übrig, dieser berühmte „Jünger, den Jesus liebte“, von dem man erst am Ende des Evangeliums versteht, dass er mit demjenigen identisch ist, der die Geschichte erzählt, damit auch wir uns mit ihm identifizieren können. (Derjenige, der sein Evangelium mit den Worten beendet: „Es gibt noch viele andere Dinge, die Jesus getan hat. Wenn man jedes einzelne davon niederschreiben würde, glaube ich, dass die ganze Welt die Bücher nicht fassen könnte, die man schreiben würde.“) Derjenige, der auf der Freundschaftsikone von Taizé dargestellt ist. Und auf der Kreuzikone, auf der sich dieser Jünger und Maria einander gegenüberstehen.
Und dann sind da noch vier Frauen, aber wir wissen ja, dass Frauen nichts zählen, selbst wenn sie die ganze Arbeit verrichten … Was für eine Ironie, dass gerade sie die ersten Zeugen der Auferstehung sein werden. Etwas weiter entfernt steht Nikodemus, dieser Pharisäer, der Jünger der Nacht, der Jesus verteidigt hat (Johannes 7), der diskrete Mann, der hier wiederkehrt. Und Josef von Arimathäa, der „Jünger im Verborgenen“ …
In der Stunde der Entscheidung: eine seltsame kleine Schar von Glaubenden, die trotz allem zusammengeblieben sind, ohne wirklich etwas anderes gemeinsam zu haben als die Liebe zu Jesus und den Wunsch, ihn nicht loszulassen. Denn am Ende bleibt letztlich nur das übrig: die Liebe, mit der wir geliebt wurden und die wir erwidert haben. Sie wissen wahrscheinlich nicht, warum sie noch da sind, oder ob sie überhaupt auf etwas warten. Vielleicht können sie einfach nicht anders, als da zu sein.
Denn so ist es, wenn man liebt. Man ist einfach da. Auch ohne ein Wort zu sagen. Angesichts der Einsamkeit, der Ungerechtigkeit, des Todes – einfach da sein. Aus Liebe. Genau an diesem Punkt geschieht etwas, und Jesus schafft eine neue Verbindung zwischen seiner Mutter und seinem Jünger, die sich gegenseitig als Mutter und Sohn annehmen. In dem Moment, in dem Jesus sich zurückzieht, ist es, als würde er die Hand des einen in die des anderen legen, damit sie in direkter Verbindung stehen. Beide gehörten bereits zur Familie Jesu, doch nun nehmen sie einander als solche an, erkennen sich als Teil derselben Familie an. Und das zeigt sich in dem Blick, den sie auf dieser Ikone austauschen.
Dieses Geschenk, das Jesus ihnen am Fuße des Kreuzes macht, gilt auch für uns. In ihm, der für uns gestorben und auferstanden ist, nehmen wir einander als Brüder und Schwestern an. Wir sind einander nicht mehr fremd, definiert durch das, was uns unterscheidet und trennt, sondern vereint, weil wir Brüder und Schwestern in Christus sind, Kinder desselben Vaters: seines, Gottes, und dank ihm auch unseres.
In seinem Brief an die Römer drückt der Apostel Paulus dasselbe mit anderen Worten aus (Römer 8,15): Ihr habt nicht einen Geist empfangen, der euch erneut zu Sklaven macht und euch mit Furcht erfüllt, sondern ihr habt einen Geist des Kindseins empfangen, durch den wir rufen: Abba! – Vater! Der Geist Gottes bezeugt selbst unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.
Siehe, dein Sohn, siehe, deine Mutter, siehe, dein Bruder, deine Schwester. Menschen, von Gott geliebt, genau wie du. Der Heilige Geist bezeugt in uns, dass wir alle Kinder Gottes sind. Diese in Christus empfangene Identität ist stärker als alle anderen; sie muss in unserem Leben an erster Stelle stehen, damit wir einander als Mitglieder seiner Familie annehmen.
In seinem Namen werdet ihr also überall auf der Welt und in jeder Lebenslage einen Verwandten, ein Kind, eine Bruderschaft oder eine Schwesternschaft finden, die euch von Jesus selbst geschenkt ist. Auch wenn ihr nicht dieselbe Sprache sprecht, wenn ihr nicht dieselbe Hautfarbe habt, wenn ihr ihn nicht auf dieselbe Weise betet. Ihr werdet nie wieder allein sein, selbst unter den schwierigsten Umständen. Das verändert unser Leben, und es kann die Welt verändern.
Glaubt nicht den Reden derer, die versuchen, uns gegeneinander aufzuhetzen. Christus sät keine Zwietracht. Er lehrt uns zu lieben. Angesichts von Einsamkeit, Leid, Ungerechtigkeit und Tod lehrt er uns, da zu sein. Aus Liebe.
Veröffentlicht am 16.03.2026