Die Frohe Botschaft seiner Liebe
Samstag, 4. April 2026
Herzlich willkommen Euch allen, die Ihr aus ganz Europa und darüber hinaus die Karwoche hier in Taizé mit uns verbringt. Einen besonderen Gruß richte ich an alle jungen Menschen aus Ländern, in denen derzeit Krieg herrscht. Unter uns sind Jugendliche aus dem Libanon und der Ukraine, die in den letzten Tagen zusammen mit jungen Menschen von anderen Kontinenten zu Beginn des Abendgebets die Ikonen durch die Kirche getragen haben.
Ich möchte allen Freiwilligen danken – jungen Erwachsenen aus aller Welt –, die einen Monat oder ein Jahr ihrer Zeit opfern, um hier in Taizé eine Zeit lang mitzuhelfen und über sich selbst nachzudenken. Ihr habt diese Woche alles gegeben, um alle hier zu empfangen. Danke!
Jeden Tag haben wir diese Woche Abschnitte aus dem Evangelium gehört, die von den letzten Stationen des Lebens Jesu auf Erden berichten. Wir haben uns dem Herzen Gottes genähert, das sich durch die Hingabe des Lebens Christi für jeden von uns offenbart.
Nach seinem gewaltsamen Tod am Kreuz warten wir heute in der Stille des Karsamstags. Nach einer alten Tradition, die auf den Ersten Petrusbrief zurückgeht, ist Jesus in das Reich des Todes hinabgestiegen, um den Menschen dort die frohe Botschaft seiner Liebe zu bringen. Heute Abend sehen wir auf der Ikone der Höllenfahrt, wie Christus die Pforten des Todes durchbricht, Adam ergreift und ihn zum Licht zieht.
Wir haben ebenfalls Worte aus dem Buch der Klagelieder gehört – den Schrei eines Menschen, der sich in seinem Leid an Gott wendet. Wenn wir das hören, denken wir an Jesus, aber auch an all jene, die leiden: die Opfer von Krieg und Gewalt jeglicher Art.
In gewisser Weise sind wir alle Menschen des Karsamstags. Wenn wir unsere Welt betrachten, stehen wir angesichts der Ereignisse oft ohne Worte da. Und doch spüren wir, dass der Mensch für etwas Größeres geschaffen ist. Wir haben heute Abend auch Hiobs Glaubensbekenntnis gehört, dass Gott trotz des Leidens, das er durchmacht, lebt.
Morgen früh um 6 Uhr beginnen wir unter freiem Himmel mit Lesungen aus dem Ersten Testament, die von der schöpferischen und befreienden Kraft Gottes sprechen – von der Schöpfung, der Befreiung seines Volkes aus der Sklaverei und der Verheißung eines neuen Lebens nach dem Untergang. Wir erfahren, wie Gott immer auf der Seite derer steht, die leiden.
Wir leben in der Erwartung des Friedens, den Christus seinen Freunden am Abend einhauchte, als Gott ihn von den Toten auferweckte – ein Friede, der uns befreit und den Weg zu einer Gemeinschaft öffnet, in der wir alle Brüder und Schwestern sind – ob wir glauben oder nicht.
„Mein Name ist Mariia, ich bin 24 Jahre alt und komme aus der Ukraine. Seit Februar bin ich als Freiwillige in Taizé. Es ist das erste Mal, dass ich die Karwoche und Ostern fern von zu Hause und meiner Familie verbringe. Diese Karwoche ist für mich etwas ganz Besonderes. Gestern war ich tief bewegt, als um 15 Uhr die Glocke zu läuten begann. Ihr Klang verkündete, dass Er gestorben war. Wir haben Ihn verloren. Es ist ein Abschied. Es gibt kein Zurück. Es ist so ungerecht. Wie konnte das passieren? Warum? Alle hielten inne. Verharrten. Legten alles beiseite. Und das Wesentliche stand im Mittelpunkt. Die Stille sprach. Ich stand in der Nähe der Glocken, mit geschlossenen Augen, und heiße Tränen schossen mir in die Augen. Es fühlte sich so vertraut an. In der Ukraine halten wir jeden Morgen um 9.00 Uhr eine landesweite Schweigeminute. Alles steht still. Um all derer zu gedenken, die getötet wurden, die ihr Leben gegeben haben, damit ich leben kann. Richte dein Herz auf das Wesentliche. Auf das Menschliche. Nicht auf Nebensächlichkeiten. Wie der Herr zu Martha sagte: „Du bist besorgt und kümmerst dich um viele Dinge. Nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere erwählt, und es soll ihr nicht genommen werden.“ Das ist mein Aufruf zur Solidarität.“
Das ganze Jahr über werden meine Brüder auch weiterhin junge Menschen in der Ukraine, in Palästina, in Israel und in Syrien besuchen. Ein Bruder ist kürzlich aus Myanmar zurückgekehrt und berichtete: „Die Menschen haben mir gegenüber nie von Hoffnung gesprochen. Eine Lösung scheint unvorstellbar. Und doch setzen sich die Menschen, denen ich begegnet bin, weiterhin für Frieden und Gerechtigkeit ein und riskieren dabei oft ihr Leben. Es ist vielleicht ein wenig wie bei den Jüngern, die Christus nachfolgen, ohne zu wissen, wohin er geht: Sie folgen ihm trotzdem, Schritt für Schritt, Tag für Tag.“
Nicht jeder kann in diese Länder reisen, aber diese Woche sprach ich mit einem Freund aus Italien, der einen Verein gegründet hat, der Schulen in Italien mit Schulen in Konfliktgebieten miteinander vernetzt. Er erzählte mir, wie der Kontakt zwischen einer weiterführenden Schule in seiner Stadt und einer Schule im Südlibanon zustande kam, die derzeit sehr leidet. Sie versuchen ebenfalls, Verbindungen zu einer Schule im Sudan aufzubauen.
Wie können wir Kontakte zu jungen Menschen suchen, die in Kriegsgebieten leben? Wie können wir ihnen zeigen, dass sie nicht vergessen sind? Die größte Gefahr für uns, die wir in Ländern leben, in denen kein Krieg herrscht, ist heute die Gleichgültigkeit.
Könnten unsere Schulen, Kirchengemeinden und Freundeskreise darüber nachdenken, wie wir Wege der Kommunikation zu jungen Menschen schaffen können, die nicht so einfach reisen können? Einige von euch sind vielleicht in solchen Projekten engagiert; andere finden vielleicht einen Weg über den Kontakt zu Flüchtlingen, die in ihrer Nähe leben.
Vergessen wir auch diejenigen nicht, die unter unterdrückerischen Regimen leben und sich für Gerechtigkeit und Frieden einsetzen. So können wir Brücken bauen und zu Friedensstiftern werden, wie uns der auferstandene Christus aufträgt – ja, zu Pilgern des Friedens.
Ende dieses Jahres findet unser Europäisches Jugendtreffen im polnischen Łódź statt – einer Stadt mit verschiedenen Wurzeln: katholische, evangelische, orthodoxe und jüdische. Wer zwischen 18 und 35 Jahre alt ist, ist vom 28. Dezember bis zum 1. Januar ganz herzlich eingeladen!
Bevor wir weitersingen, kann jede und jeder von uns dem Nachbarn leise in seiner eigenen Sprache zuflüstern: „Christus ist auferstanden!“ Und der andere kann antworten: „Er ist wahrhaft auferstanden!“
Und ab morgen kann jede und jeder seine Schwestern und Brüder im Glauben mit diesem Gruß grüßen. Trauen wir uns, an das Zeichen des leeren Grabes zu glauben. Dann werden wir den Frieden und die Freude des auferstandenen Christus erfahren!
Veröffentlicht am 05.04.2026