Gedanken zur
Bibel

Mai 2011

Gottes Gegenwart entdecken

1 Samuel 16,1.6–13
Der Herr sagte zu Samuel: „Wie lange willst du noch um Saul trauern? Ich habe ihn doch verworfen; er soll nicht mehr als König über Israel herrschen. Fülle dein Horn mit Öl und mach dich auf den Weg! Ich schicke dich zu dem Betlehemiter Isai; denn ich habe mir einen von seinen Söhnen als König ausersehen.“ (…) Als sie kamen und er den Eliab sah, dachte er: „Gewiss steht nun vor dem Herrn sein Gesalbter.“ Der Herr aber sagte zu Samuel: „Sieh nicht auf sein Aussehen und seine stattliche Gestalt, denn ich habe ihn verworfen; Gott sieht nämlich nicht auf das, worauf der Mensch sieht. Der Mensch sieht, was vor den Augen ist, der Herr aber sieht das Herz.“ Nun rief Isai den Abinadab und ließ ihn vor Samuel treten. Dieser sagte: „Auch ihn hat der Herr nicht erwählt.“ Isai ließ Schima kommen. Samuel sagte: „Auch ihn hat der Herr nicht erwählt.“ So ließ Isai sieben seiner Söhne vor Samuel treten, aber Samuel sagte zu Isai: „Diese hat der Herr nicht erwählt.“ Und er fragte Isai: „Sind das alle deine Söhne?“ Er antwortete: „Der jüngste fehlt noch, aber der hütet gerade die Schafe.“ Samuel sagte zu Isai: „Schick jemand hin und lass ihn holen; wir wollen uns nicht zum Mahl hinsetzen, bevor er hergekommen ist.“ Isai schickte also jemand hin und ließ ihn kommen. David war blond, hatte schöne Augen und eine schöne Gestalt. Da sagte der Herr: „Auf, salbe ihn! Denn er ist es.“ Samuel nahm das Horn mit dem Öl und salbte David mitten unter seinen Brüdern. Und der Geist des Herrn war über David von diesem Tag an.

Manchmal ist die Bibel wirklich kompliziert. Warum schildert das Buch Samuel so viele politische Rivalitäten, das Versagen eines Königs, den Aufstieg seines Nachfolgers? Warum betrachtet es immer dieselbe Situation aus so vielen verschiedenen und widersprüchlichen Blickwinkeln? Warum hält man an den verschiedenen Versionen derselben Geschichte fest, ohne den Versuch, alles in Einklang zu bringen? Wo steckt darin das Wort Gottes?

Die Verfasser der Bücher der Bibel lassen die Geschichte ihres Volkes Revue passieren und suchen dabei nach der Gegenwart Gottes. Sie versuchen zu zeigen, wie Gott allem Augenschein zum Trotz sein Volk geführt hat, oder umgekehrt, dass er gerade nicht am Ursprung dieses oder jenes menschlichen Projekts stand, das nur aus verhärteten Herzen und Taubheit gegenüber Gottes Wort entstand. Die Geschichte aus der Perspektive des Glaubens zu sehen, lässt sie manches anders verstehen. Der Übergang von der Stammeskultur zur Monarchie spielt in der Geschichte eine wichtige Rolle, wobei die Monarchie unterschiedlich bewertet wird. Hier kommt König David ins Spiel. Es ist bemerkenswert, dass in diesen Geschichten, die von Gottes Plan und Willen sprechen, die menschliche Seite der Protagonisten nicht verleugnet wird. Dokumente aus verschiedenen Epochen verschweigen nicht die Machtkämpfe, die politischen Spannungen und menschlichen Schwächen, als ob die Verfasser wussten, dass Gottes Wille auch inmitten einer oft zwiespältigen menschlichen Geschichte hervortritt. Es kann einem so vorkommen, als ob der Leser herausgefordert ist, die Widersprüche als Teil der Geschichte zu akzeptieren.

Die Bücher Samuel wollen hervorheben, dass David durch Gottes Willen König wurde. Der letzte Grund für seinen Erfolg sind nicht politische oder militärische Fähigkeiten. Es gab Gerüchte, dass er seine Macht erlangt hatte, indem er unschuldiges Blut vergoss und keine Rücksicht auf Verluste nahm. Solchen Gerüchten wollen diese Texte widersprechen. David hat die Krone nicht an sich gerissen, sie wurde ihm überragen.

Gottes Gegenwart oder Abwesenheit zu erkennen, ist nicht einfach. Der Prophet Samuel war nach Bethlehem gekommen, um einen Sohn Jesses zu salben, den Gott erwählt hatte. Eliab, der ihm als erster vorgestellt wird, hat das richtige Aussehen, und Samuel wagt ein vorschnell zustimmendes „gewiss“ (V. 6). Aber als nacheinander die sieben Söhne von Jesse auftreten, wird der Prophet vorsichtiger. Schließlich kann er nur auf ein Wort Gottes warten, der seine Wahl bestätigt, so unerwartet sie auch sein mag. Eines Tages werden andere Menschen, mit denen Gott in Kontakt steht, nach Bethlehem kommen. Sie werden berufen sein, Gottes Gegenwart in einem Kind zu erkennen und später, in Jerusalem, ihren König in einem jungen Mann am Kreuz. Die Propheten wussten, dass die äußere Erscheinung trügen kann. Gott ist oft da, wo ihn keiner erwartet.

01
Wie kann es eine Quelle der Freiheit sein, äußere Erscheinungen nicht zu sehr zu beachten?
02
Uns von Gott überraschen lassen: Warum ist diese Einstellung so wichtig für jeden, der Gottes Gegenwart entdecken will?

... der vergangenen Monate:

Januar 2026

„Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht ...“

Johannes 4,5–15

Jesus kam zu einem Ort in Samarien, der Sychar hieß und nahe bei dem Grundstück lag, das Jakob seinem Sohn Josef vermacht hatte. Dort befand sich der Jakobsbrunnen. Jesus war müde von der Reise und setzte sich daher an den Brunnen; es war um die sechste Stunde. Da kam eine samaritische Frau, um Wasser zu schöpfen. Jesus sagte zu ihr: „Gib mir zu trinken!“ Seine Jünger waren nämlich in den Ort gegangen, um etwas zum Essen zu kaufen. Die samaritische Frau sagte zu ihm: „Wie kannst du als Jude mich, eine Samariterin, um Wasser bitten?“ (Die Juden verkehren nämlich nicht mit den Samaritern.) Jesus antwortete ihr: „Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der zu dir sagt: ‚Gib mir zu trinken!’, dann hättest du ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.“ Sie sagte zu ihm: „Herr, du hast kein Schöpfgefäß, und der Brunnen ist tief; woher hast du also das lebendige Wasser? Bist du etwa größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gegeben und selbst daraus getrunken hat, wie seine Söhne und seine Herden?“ Jesus antwortete ihr: „Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.“ Da sagte die Frau zu ihm: „Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hierherkommen muss, um Wasser zu schöpfen.“

November 2025

Unseren Weg finden

1 Samuel 3,1-10

Der junge Samuel versah den Dienst des Herrn unter der Aufsicht Elis. In jenen Tagen waren Worte des Herrn selten; Visionen waren nicht häufig. Eines Tages geschah es: Eli schlief auf seinem Platz; seine Augen waren schwach geworden, und er konnte nicht mehr sehen. Die Lampe Gottes war noch nicht erloschen, und Samuel schlief im Tempel des Herrn, wo die Lade Gottes stand. Da rief der Herr den Samuel, und Samuel antwortete: „Hier bin ich.“ Dann lief er zu Eli und sagte: „Hier bin ich, du hast mich gerufen.“ Eli erwiderte: „Ich habe dich nicht gerufen. Geh wieder schlafen!“ Da ging er und legte sich wieder schlafen. Der Herr rief noch einmal: „Samuel!“ Samuel stand auf und ging zu Eli und sagte: „Hier bin ich, du hast mich gerufen.“ Eli erwiderte: „Ich habe dich nicht gerufen, mein Sohn. Geh wieder schlafen!“ Samuel kannte den Herrn noch nicht, und das Wort des Herrn war ihm noch nicht offenbart worden. Da rief der Herr den Samuel wieder, zum dritten Mal. Er stand auf und ging zu Eli und sagte: „Hier bin ich, du hast mich gerufen.“ Da merkte Eli, dass der Herr den Knaben gerufen hatte. Eli sagte zu Samuel: „Geh, leg dich schlafen! Wenn er dich (wieder) ruft, dann antworte: 'Rede, Herr; denn dein Diener hört.'“ Samuel ging und legte sich an seinem Platz nieder. Da kam der Herr, trat (zu ihm) heran und rief wie die vorigen Male: „Samuel, Samuel!“ Und Samuel antwortete: „Rede, denn dein Diener hört.“