Gedanken zur
Bibel
Gottes Gegenwart entdecken
1 Samuel 16,1.6–13Manchmal ist die Bibel wirklich kompliziert. Warum schildert das Buch Samuel so viele politische Rivalitäten, das Versagen eines Königs, den Aufstieg seines Nachfolgers? Warum betrachtet es immer dieselbe Situation aus so vielen verschiedenen und widersprüchlichen Blickwinkeln? Warum hält man an den verschiedenen Versionen derselben Geschichte fest, ohne den Versuch, alles in Einklang zu bringen? Wo steckt darin das Wort Gottes?
Die Verfasser der Bücher der Bibel lassen die Geschichte ihres Volkes Revue passieren und suchen dabei nach der Gegenwart Gottes. Sie versuchen zu zeigen, wie Gott allem Augenschein zum Trotz sein Volk geführt hat, oder umgekehrt, dass er gerade nicht am Ursprung dieses oder jenes menschlichen Projekts stand, das nur aus verhärteten Herzen und Taubheit gegenüber Gottes Wort entstand. Die Geschichte aus der Perspektive des Glaubens zu sehen, lässt sie manches anders verstehen. Der Übergang von der Stammeskultur zur Monarchie spielt in der Geschichte eine wichtige Rolle, wobei die Monarchie unterschiedlich bewertet wird. Hier kommt König David ins Spiel. Es ist bemerkenswert, dass in diesen Geschichten, die von Gottes Plan und Willen sprechen, die menschliche Seite der Protagonisten nicht verleugnet wird. Dokumente aus verschiedenen Epochen verschweigen nicht die Machtkämpfe, die politischen Spannungen und menschlichen Schwächen, als ob die Verfasser wussten, dass Gottes Wille auch inmitten einer oft zwiespältigen menschlichen Geschichte hervortritt. Es kann einem so vorkommen, als ob der Leser herausgefordert ist, die Widersprüche als Teil der Geschichte zu akzeptieren.
Die Bücher Samuel wollen hervorheben, dass David durch Gottes Willen König wurde. Der letzte Grund für seinen Erfolg sind nicht politische oder militärische Fähigkeiten. Es gab Gerüchte, dass er seine Macht erlangt hatte, indem er unschuldiges Blut vergoss und keine Rücksicht auf Verluste nahm. Solchen Gerüchten wollen diese Texte widersprechen. David hat die Krone nicht an sich gerissen, sie wurde ihm überragen.
Gottes Gegenwart oder Abwesenheit zu erkennen, ist nicht einfach. Der Prophet Samuel war nach Bethlehem gekommen, um einen Sohn Jesses zu salben, den Gott erwählt hatte. Eliab, der ihm als erster vorgestellt wird, hat das richtige Aussehen, und Samuel wagt ein vorschnell zustimmendes „gewiss“ (V. 6). Aber als nacheinander die sieben Söhne von Jesse auftreten, wird der Prophet vorsichtiger. Schließlich kann er nur auf ein Wort Gottes warten, der seine Wahl bestätigt, so unerwartet sie auch sein mag. Eines Tages werden andere Menschen, mit denen Gott in Kontakt steht, nach Bethlehem kommen. Sie werden berufen sein, Gottes Gegenwart in einem Kind zu erkennen und später, in Jerusalem, ihren König in einem jungen Mann am Kreuz. Die Propheten wussten, dass die äußere Erscheinung trügen kann. Gott ist oft da, wo ihn keiner erwartet.