Gedanken zur
Bibel
Wo wohnst du?
Johannes 1,35–39Im Johannesevangelium tritt Johannes der Täufer als Zeuge auf. Er richtet seinen Blick auf Jesus, der vorbeigeht, und weist andere auf ihn hin: „Seht, das ist das Lamm Gottes.“ Die beiden Jünger hören, was er sagt, vertrauen ihm und folgen Jesus nach.
Vielleicht sind wir wie sie, bereit, Jesus nachzufolgen, oder sind zumindest von ihm fasziniert. Wenn wir aus ganz Europa hierhergekommen sind, um gemeinsam zu beten, dann deshalb, weil wir etwas oder jemanden suchen. Diesen Jesus, der uns anzieht und uns über alle Grenzen hinweg so zahlreich zusammenführt. Was damals in Bethanien jenseits des Jordans begann, setzt sich heute hier fort. Die Brüder von Taizé und so viele andere Zeugen auf unserem Weg weisen uns auf Jesus hin, der unter uns gegenwärtig ist.
„Was sucht ihr?“ Jesus stellt uns diese Frage ebenso wie den Jüngern, die auf ihn zugehen. Er beginnt einen Dialog, so wie er heute durch sein immerwährendes Wort auch mit uns in einen Dialog tritt. Nehmen wir uns Zeit, diese existenzielle Frage in uns nachhallen zu lassen: „Was sucht ihr?“ Welche Sehnsucht treibt uns eigentlich an? Versuchen wir, diese Frage für uns selbst zu beantworten.
Die Jünger antworteten mit einer Gegenfrage: „Meister, wo wohnst du?“ Mit anderen Worten: „Wer bist du wirklich? Kann man mit dir eine authentische Erfahrung machen?“ Dies ist Ausdruck des Verlangens nach einer echten Beziehung. Sie lassen sich von Jesus einladen, der ihnen antwortet: „Kommt und seht!“ Sie erleben eine Begegnung, die sie so beeindruckt, dass sie sich noch an die Uhrzeit erinnern: 4 Uhr nachmittags. „Bleiben“, ein Schlüsselwort im Johannesevangelium, geht weit über die rein physische Anwesenheit hinaus. Es bezeichnet tiefe Gemeinschaft, eine verwandelnde Beziehung, Liebe, die Wurzeln schlägt und Bestand hat.
Mit der Frage „Wo wohnst du?“ führen uns die Jünger in eine innere Suche. Wir alle sehnen uns nach Beziehungen, wir streben nach echten Begegnungen, in denen wir ganz wir selbst sein können und den anderen als Geschenk erfahren. Wir streben nach harmonischen Beziehungen: zu den anderen, zu uns selbst, zu Gott, zur gesamten Schöpfung. Wir sehnen uns nach Frieden und Versöhnung, denn in unserem Innersten sind wir Beziehungswesen und für Gemeinschaft geschaffen. Wir möchten geben und empfangen, zu einer Familie, einer Gemeinschaft und einem Volk gehören.
Jesus antwortet geradeheraus: „Kommt und ihr werdet sehen.“ Er lädt uns ein, eine Beziehung zu ihm und zu anderen einzugehen. Er lässt uns seine Wohnung entdecken, einem Abbild der Beziehung zum Vater. Er möchte Zeit mit uns verbringen, gemeinsam unterwegs sein, einander zuhören, Frieden und Gemeinschaft stiften, um Zeichen und Werkzeug der Einheit der Menschheit zu sein.
Gedanken von Schwester Nathalie Becquart anlässlich des Europäischen Treffens in Paris.