Gedanken zur
Bibel
Christus ähnlich werden
1 Johannes 3,1–3Irenäus, Bischof von Lyon im zweiten Jahrhundert, fasste die Bedeutung der Inkarnation, der Menschwerdung Gottes, in einer Formel zusammen: Gott wurde Mensch, damit der Mensch Gott werde. Das Kommen Gottes auf die Erde ist also die Vorstufe zu einem anderen, noch erstaunlicheren Ereignis: Der Mensch wird Gott. Aber es ist ein Gott, der sich in der Entbehrung, der Unwissenheit und der Ohnmacht eines neugeborenen Kindes oder eines gekreuzigten Menschen offenbart.
Wir befinden uns also auf dem Weg zwischen einem Ursprung, den wir nicht ganz begreifen, und einem Ziel, das wir uns nicht vorstellen können. Dieser Weg erfordert unsere aktive Teilnahme. Wir werden mehr und mehr wir selbst, wenn wir uns der Gegenwart Christi in unserem Herzen öffnen, jenseits der Türen, die durch Angst, Versagen, Zorn oder Demütigung verschlossen sind. Christus bietet uns seinen Frieden an und sendet uns aus, diesen Frieden in allen unseren menschlichen Beziehungen zu leben, in einer von Ungerechtigkeit und Gewalt verwundeten Welt. Ja, in dem Maße, in dem wir seinen Frieden und seine Vergebung in unser Leben lassen, ist sein Geist in uns und in der Welt am Werk – und das Leben blüht auf.
Wir sind also nicht nur von hier oder von dort, nicht nur diese oder jene Person; wir sind nicht nur unser Lebenslauf, unsere Krankenakte oder unser Bankkonto; wir werden nicht durch unsere Pläne, unsere Misserfolge, unsere Ablehnung oder unsere Überzeugungen definiert. Unsere Identität offenbart sich in einer uneingeschränkten Sehnsucht, die vom Ruf und der Gabe eines anderen getragen ist. Was wir sein werden, ist noch nicht offenbar geworden, heißt es im ersten Johannesbrief (3,2), (aber) wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Wir haben Christus bereits wie ein Kleid angelegt, haben einen neuen Namen und ein neues Gebot erhalten, die uns neue Beziehungen eröffnen. Unsere Wurzeln sind nicht nur ein kulturelles Erbe, eine Familiengeschichte, ein Schatz, der von denen weitergegeben wird, die uns den Weg öffnen. Sie liegen auch vor uns, in dem, was wir noch nicht sehen, wozu wir aber bestimmt sind. Die Umwälzungen in der Gesellschaft schaden ihnen weniger als Resignation und Trägheit, die uns von einer lebendigen Gemeinschaft mit Gott entfernen.