Gedanken zur
Bibel
Das Licht einer neuen Schöpfung
Johannes 20,11–17Die ersten Worte des Osterevangeliums führen uns an eine Schwelle. Etwas Neues beginnt: „Am ersten Tag der Woche frühmorgens, als es noch dunkel war …“ Bei diesen Worten müssen viele der frühen Christen an die ersten Zeilen der Bibel gedacht haben, in denen Gott in sieben Tagen Himmel und Erde erschuf, und an den Moment am ersten Tag, als Gott sagte: „Es werde Licht.“
Wenn wir die Ostergeschichte weiterlesen, sehen wir jedoch, dass im Mittelpunkt dieser ersten Zeilen Maria Magdalena steht: „Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war.“ Maria ist ein Beispiel für den Mut und die liebende Verbundenheit mit Jesus. Sie war im Morgengrauen zum Grab Jesu gegangen. Danach hatte sie zwei Jüngern von dem weggewälzten Stein berichtet und diese zum Grab begleitet. Sie blieb noch lange dort und es heißt, sie sei dagestanden und habe geweint – erschüttert, aber aufrecht.
Zwei Engel sprechen sie an: „Warum weinst du?“ „Engel“ bedeutet so viel wie Bote. Engel treten in der Bibel im Namen Gottes auf. Aber anstatt einfach zu verkünden, was Gott vollbracht hat, sind die Engel völlig mit Maria beschäftigt. Ihre Worte sind voll zärtlicher Anteilnahme.
Dann erscheint Jesus und fragt ebenfalls: „Warum weinst du?“, und „Wen suchst du?“ Die ersten Worte Jesu im Johannesevangelium waren sehr ähnlich: „Was sucht ihr?“ Jesus hört nie auf, nach Menschen zu suchen. Maria meint, es sei der Gärtner, weil sich das Grab in einem Garten befindet. Ist dies ein weiterer Bezug auf den Anfang der Bibel? Im zweiten Kapitel des Buches Genesis hat Gott, nachdem er Adam erschaffen hatte, den Garten Eden den Menschen anvertraut. Dann kommt der entscheidende Moment: Jesus ruft Maria bei ihrem Namen, und sie, die Jüngerin, erkennt ihn an seiner Stimme und antwortet spontan: „Rabbuni!“ – Meister.
Ein zeitgenössischer Theologe schrieb einmal: „Das Christentum ist mehr eine Berührung als eine Botschaft.“ (Rowan Williams, Tokens of Trust, S. 92) Sein Wesen liegt nicht in Ideen oder ausgeklügelten Prinzipien, sondern in etwas, das wir hier an Ostern finden und das uns das ganze Evangelium vermittelt, nämlich die Art und Weise, wie Gott uns sieht und wie er auf uns zukommt – die Art und Weise der Gegenwart Gottes, die Stimme und Gesten Jesu, kurz gesagt, wie Gott uns liebt. Diese Anwesenheit Gottes in Jesus Christus ist das, was an jenem ersten Ostermorgen kraftvoll und zugleich sanft am Werk war, was den Tod überwand und neues Leben brachte.
Die Worte, die Maria dann den anderen Jüngern überbringt, deuten darauf hin, dass ihre Beziehungen – untereinander, mit Jesus und mit Gott – sich verändert haben, dass sie offener geworden sind. „Geh zu meinen Brüdern“, sagt der auferstandene Christus, „und sag ihnen: ‚Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.‘“ Im Licht der Auferstehung gibt es nur noch eine Familie in Gott. Die neue Schöpfung ist nicht irgendeine andere Welt. Es ist diese Welt, die durch Gottes Berührung verwandelt wurde, durchdrungen von der Gemeinschaft. Und diese Welt ist bereits jetzt im Anbrechen, durch die Worte und Gesten, mit denen wir Verantwortung füreinander und für unser gemeinsames Haus übernehmen.