Gedanken zur
Bibel

Mai 2020

Das Licht einer neuen Schöpfung

Johannes 20,11–17
Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Während sie weinte, beugte sie sich in die Grabkammer hinein. Da sah sie zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, den einen dort, wo der Kopf, den anderen dort, wo die Füße des Leichnams Jesu gelegen hatten. Die Engel sagten zu ihr: „Frau, warum weinst du?“ Sie antwortete ihnen: „Man hat meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wohin man ihn gelegt hat.“ Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen, wusste aber nicht, dass es Jesus war. Jesus sagte zu ihr: „Frau, warum weinst du? Wen suchst du?“ Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: „Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast. Dann will ich ihn holen.“ Jesus sagte zu ihr: „Maria!“ Da wandte sie sich ihm zu und sagte auf Hebräisch zu ihm: „Rabbuni!“, das heißt: „Meister“. Jesus sagte zu ihr: „Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern, und sag ihnen: ‚Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.‘“

Die ersten Worte des Osterevangeliums führen uns an eine Schwelle. Etwas Neues beginnt: „Am ersten Tag der Woche frühmorgens, als es noch dunkel war …“ Bei diesen Worten müssen viele der frühen Christen an die ersten Zeilen der Bibel gedacht haben, in denen Gott in sieben Tagen Himmel und Erde erschuf, und an den Moment am ersten Tag, als Gott sagte: „Es werde Licht.“

Wenn wir die Ostergeschichte weiterlesen, sehen wir jedoch, dass im Mittelpunkt dieser ersten Zeilen Maria Magdalena steht: „Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war.“ Maria ist ein Beispiel für den Mut und die liebende Verbundenheit mit Jesus. Sie war im Morgengrauen zum Grab Jesu gegangen. Danach hatte sie zwei Jüngern von dem weggewälzten Stein berichtet und diese zum Grab begleitet. Sie blieb noch lange dort und es heißt, sie sei dagestanden und habe geweint – erschüttert, aber aufrecht.

Zwei Engel sprechen sie an: „Warum weinst du?“ „Engel“ bedeutet so viel wie Bote. Engel treten in der Bibel im Namen Gottes auf. Aber anstatt einfach zu verkünden, was Gott vollbracht hat, sind die Engel völlig mit Maria beschäftigt. Ihre Worte sind voll zärtlicher Anteilnahme.

Dann erscheint Jesus und fragt ebenfalls: „Warum weinst du?“, und „Wen suchst du?“ Die ersten Worte Jesu im Johannesevangelium waren sehr ähnlich: „Was sucht ihr?“ Jesus hört nie auf, nach Menschen zu suchen. Maria meint, es sei der Gärtner, weil sich das Grab in einem Garten befindet. Ist dies ein weiterer Bezug auf den Anfang der Bibel? Im zweiten Kapitel des Buches Genesis hat Gott, nachdem er Adam erschaffen hatte, den Garten Eden den Menschen anvertraut. Dann kommt der entscheidende Moment: Jesus ruft Maria bei ihrem Namen, und sie, die Jüngerin, erkennt ihn an seiner Stimme und antwortet spontan: „Rabbuni!“ – Meister.

Ein zeitgenössischer Theologe schrieb einmal: „Das Christentum ist mehr eine Berührung als eine Botschaft.“ (Rowan Williams, Tokens of Trust, S. 92) Sein Wesen liegt nicht in Ideen oder ausgeklügelten Prinzipien, sondern in etwas, das wir hier an Ostern finden und das uns das ganze Evangelium vermittelt, nämlich die Art und Weise, wie Gott uns sieht und wie er auf uns zukommt – die Art und Weise der Gegenwart Gottes, die Stimme und Gesten Jesu, kurz gesagt, wie Gott uns liebt. Diese Anwesenheit Gottes in Jesus Christus ist das, was an jenem ersten Ostermorgen kraftvoll und zugleich sanft am Werk war, was den Tod überwand und neues Leben brachte.

Die Worte, die Maria dann den anderen Jüngern überbringt, deuten darauf hin, dass ihre Beziehungen – untereinander, mit Jesus und mit Gott – sich verändert haben, dass sie offener geworden sind. „Geh zu meinen Brüdern“, sagt der auferstandene Christus, „und sag ihnen: ‚Ich gehe hinauf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott.‘“ Im Licht der Auferstehung gibt es nur noch eine Familie in Gott. Die neue Schöpfung ist nicht irgendeine andere Welt. Es ist diese Welt, die durch Gottes Berührung verwandelt wurde, durchdrungen von der Gemeinschaft. Und diese Welt ist bereits jetzt im Anbrechen, durch die Worte und Gesten, mit denen wir Verantwortung füreinander und für unser gemeinsames Haus übernehmen.

01
Was ändert die gute Nachricht der Auferstehung für mich, in meinem Blick, meinen Hoffnungen?
02
Wodurch inspiriert mich Maria Magdalena?

... der vergangenen Monate:

Januar 2026

„Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht ...“

Johannes 4,5–15

Jesus kam zu einem Ort in Samarien, der Sychar hieß und nahe bei dem Grundstück lag, das Jakob seinem Sohn Josef vermacht hatte. Dort befand sich der Jakobsbrunnen. Jesus war müde von der Reise und setzte sich daher an den Brunnen; es war um die sechste Stunde. Da kam eine samaritische Frau, um Wasser zu schöpfen. Jesus sagte zu ihr: „Gib mir zu trinken!“ Seine Jünger waren nämlich in den Ort gegangen, um etwas zum Essen zu kaufen. Die samaritische Frau sagte zu ihm: „Wie kannst du als Jude mich, eine Samariterin, um Wasser bitten?“ (Die Juden verkehren nämlich nicht mit den Samaritern.) Jesus antwortete ihr: „Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der zu dir sagt: ‚Gib mir zu trinken!’, dann hättest du ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.“ Sie sagte zu ihm: „Herr, du hast kein Schöpfgefäß, und der Brunnen ist tief; woher hast du also das lebendige Wasser? Bist du etwa größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gegeben und selbst daraus getrunken hat, wie seine Söhne und seine Herden?“ Jesus antwortete ihr: „Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.“ Da sagte die Frau zu ihm: „Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hierherkommen muss, um Wasser zu schöpfen.“

November 2025

Unseren Weg finden

1 Samuel 3,1-10

Der junge Samuel versah den Dienst des Herrn unter der Aufsicht Elis. In jenen Tagen waren Worte des Herrn selten; Visionen waren nicht häufig. Eines Tages geschah es: Eli schlief auf seinem Platz; seine Augen waren schwach geworden, und er konnte nicht mehr sehen. Die Lampe Gottes war noch nicht erloschen, und Samuel schlief im Tempel des Herrn, wo die Lade Gottes stand. Da rief der Herr den Samuel, und Samuel antwortete: „Hier bin ich.“ Dann lief er zu Eli und sagte: „Hier bin ich, du hast mich gerufen.“ Eli erwiderte: „Ich habe dich nicht gerufen. Geh wieder schlafen!“ Da ging er und legte sich wieder schlafen. Der Herr rief noch einmal: „Samuel!“ Samuel stand auf und ging zu Eli und sagte: „Hier bin ich, du hast mich gerufen.“ Eli erwiderte: „Ich habe dich nicht gerufen, mein Sohn. Geh wieder schlafen!“ Samuel kannte den Herrn noch nicht, und das Wort des Herrn war ihm noch nicht offenbart worden. Da rief der Herr den Samuel wieder, zum dritten Mal. Er stand auf und ging zu Eli und sagte: „Hier bin ich, du hast mich gerufen.“ Da merkte Eli, dass der Herr den Knaben gerufen hatte. Eli sagte zu Samuel: „Geh, leg dich schlafen! Wenn er dich (wieder) ruft, dann antworte: 'Rede, Herr; denn dein Diener hört.'“ Samuel ging und legte sich an seinem Platz nieder. Da kam der Herr, trat (zu ihm) heran und rief wie die vorigen Male: „Samuel, Samuel!“ Und Samuel antwortete: „Rede, denn dein Diener hört.“