Gedanken zur
Bibel
Demütig und wachsam
1 Petrus 5,5b–11„Werft alle eure Sorge auf ihn, denn er kümmert sich um euch.“ Die Leser des ersten Petrusbriefs sehnten sich nach Trost. Auch wenn die Christen damals noch nicht systematisch verfolgt wurden, spricht der Verfasser dieses Briefs an einer anderen Stelle von Menschen, die „euch als Übeltäter verleumden“ (1 Petrus 2,12). Die Begeisterung nach der Auferstehung Christi war mittlerweile verschwunden und die kleine Zahl von Glaubenden musste in einer gleichgültigen und manchmal feindseligen Gesellschaft ihren Platz finden.
Es ergeht also ein doppelter Appell: zum einen demütig bleiben und zum anderen klarsichtig und wachsam sein.
In Vers 5 wird ein Satz aus dem Buch der Sprichwörter (3,34) umschrieben, der lautet: „Gott verspottet die Spötter, den Gebeugten erweist er seine Gunst.” Aber davor ermutigt er seine Leser mit diesem schönen Ausdruck: „Begegnet einander in Demut“ oder „Bekleidet euch mit Demut“, wie man die Worte ebenfalls übersetzen kann. Sie lassen an die himmlischen Wesen in leuchtenden Gewändern denken, denen die Frauen am Grab Jesu begegnet waren (vgl. Lukas 24,4), oder an die Worte des Paulus an die ersten Christen in Rom: „Legt den Herrn Jesus Christus als neues Gewand an.“ (Römer 13,14)
Das Wort „Demut“ kann missverständlich klingen, so als ob die Bibel sagen würde, dass es gut sei, gedemütigt zu werden. Es ist wichtig, dass zwischen „Demut“ und „Demütigung“ ein Unterschied besteht, und, dass Demut hier nicht bedeutet, dass manche Menschen wichtiger wären als andere und Letztere deshalb demütig zu sein hätten. Es geht darum, dass alle Menschen, auch die bedeutendsten, in der Gegenwart Gottes leben, der unendlich größer ist als alles, was wir uns vorstellen können.
Der Text ruft also zur Wachsamkeit auf, denn das Böse ist nicht nur die Abwesenheit des Guten, sondern es hat eine Eigendynamik, die uns schaden möchte. Petrus verwendet dafür das Bild eines brüllenden Löwen. Gleichzeitig wird gesagt, dass das Böse und das Leid nur „kurze Zeit“ dauern. Was bedeutet das?
Es könnte bedeuten, dass sich die Lebensumstände der Glaubenden bessern werden. Oder – auf die Endlichkeit des Lebens bezogen –, dass wir noch etwas leiden müssen, aber nach dem Tod ewiges Glück genießen. Wahrscheinlich ist jedoch, dass der Text von der unmittelbar bevorstehenden Wiederkunft Christi spricht. Das Böse und das Leid bestehen noch kurze Zeit, aber Gott wird handeln und seine Friedensherrschaft errichten.
Der vorliegende Brief wurde vor fast zweitausend Jahren geschrieben, und die Wiederkunft Christi scheint noch nicht stattgefunden zu haben. Hat sich der Verfasser getäuscht, oder möchte er uns heute etwas sagen? Ich denke, es ist wichtig zu sehen, dass die Leiden um uns herum nur von kurzer Dauer sind. Natürlich nicht, um Unrecht passiv hinzunehmen, sondern um zu erkennen, dass das Böse nicht unendlich oder unvermeidlich ist.
Was können wir also in dieser „kurzen Zeit“ tun, die wir auf Erden haben? Der Petrusbrief fordert uns auf, im Glauben standhaft zu bleiben, d. h. in dem Vertrauen zu leben, dass Gott uns ruft. Gott ruft uns auf, gegen das Böse anzugehen – in uns und in der Welt. Aber er ruft uns auch dazu auf, seine „ewige Herrlichkeit“ bereits hier auf Erden zu erfahren und in der Freude der Gemeinschaft mit Gott und mit den anderen zu leben.