Gedanken zur
Bibel

Dezember 2010

Leben, um zu lieben

1 Johannes 3,11–18
Denn das ist die Botschaft, die ihr von Anfang an gehört habt: Wir sollen einander lieben und nicht wie Kain handeln, der von dem Bösen stammte und seinen Bruder erschlug. Warum hat er ihn erschlagen? Weil seine Taten böse, die Taten seines Bruders aber gerecht waren. Wundert euch nicht, meine Brüder, wenn die Welt euch hasst. Wir wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben hinübergegangen sind, weil wir die Brüder lieben. Wer nicht liebt, bleibt im Tod. Jeder, der seinen Bruder hasst, ist ein Mörder und ihr wisst: Kein Mörder hat ewiges Leben, das in ihm bleibt. Daran haben wir die Liebe erkannt, dass Er sein Leben für uns hingegeben hat. So müssen auch wir für die Brüder das Leben hingeben. Wenn jemand Vermögen hat und sein Herz vor dem Bruder verschließt, den er in Not sieht, wie kann die Gottesliebe in ihm bleiben? Meine Kinder, wir wollen nicht mit Wort und Zunge lieben, sondern in Tat und Wahrheit.

Nirgends im 1. Johannesbrief kommt das Wort „Bruder“ bzw. „Brüder“ so oft vor wie in diesem kurzen Abschnitt: insgesamt sieben Mal. Erstaunlicherweise kommt das Wort in der Geschichte von Kain und Abel, auf die sich unsere Stelle bezieht (Genesis 4,1-16), ebenfalls sieben Mal vor. Dies ist vielleicht ein Zufall, dennoch führt es uns in eine bestimmte Richtung: Brüder und Schwestern lieben sich nicht automatisch. Konkurrenz und sogar Konflikte können entstehen. Wie sollen wir damit umgehen?

„Nicht wie Kain“ heißt es in Vers 12, sondern wie „Er“, womit offensichtlich Jesus gemeint ist (Vers 16). Es ist, als ob der Autor mit seinem Finger auf ihn zeigt.

Kain fühlte sich von seinem Bruder Abel bedroht, der beliebter gewesen zu sein schien als er. Um diese Bedrohung abzuwenden, musste er seinen Bruder beseitigen, ihn aus dem Blick schaffen. Was hingegen tat „Er“, Jesus? Er war fähig, sein zerbrechliches irdisches Leben „für uns hinzugeben“. Ersterer lebt in einer Welt des Todes, in der nicht nur alles mit dem Tod endet, sondern in der diejenigen, die bedrohlich werden, mit dem Tod bestraft werden. Der Zweite versetzt uns in eine ganz andere Situation; durch ihn sind wir in das Leben hinüber gegangen (Vers 14) und dieses Leben ist ewig (Vers 15). So können wir uns anderen öffnen (Vers 17), ohne uns bedroht zu fühlen und alles hingeben, selbst unser eigenes Leben (Vers 16).

Für den Autor des Johannesbriefes liegt in der geschwisterlichen Liebe der Kern des Gegensatzes von Leben und Tod. Zu lieben bedeutet, eine Entscheidung zu treffen. Wir müssen „uns für die Liebe entscheiden“, wie Frère Roger sagte. Auch wenn einige jüdische Schriften meinen, wir sollten Mitleid mit Kain haben, da er in jedem von uns ist, müssen wir uns dagegen entscheiden, so wie er zu sein. Wir müssen uns stattdessen für das Leben, das uns in Christus geschenkt wurde, entscheiden, und damit gegen die Welt des Todes, die uns natürlicherweise umgibt.

Zu lieben meint, zu leben und Leben zu schenken. Das einzig wahre Leben zu leben, das ewig ist; es immer wieder zu empfangen, trotz unserer Unwürdigkeit, und es anderen weitergeben, die arm sind wie wir. Möglicherweise widerstrebt dieser Brief den Ideen einiger Christen, die nach geistig und geistlich Höherem strebten, sich über gewöhnliche Gläubige erhaben fühlten und verachteten, ihr Herz zu öffnen und ihren Besitz zu teilen (Vers 17).

Die Liebe folgt einer Abwärtsbewegung. Sie begnügt sich nicht mit Worten, Ideen oder Gefühlen. Sie lässt sich vom wahren Elend, das ihr begegnet, berühren und aufstören. Sie sucht nach Wegen, damit umzugehen; sie gibt sich selbst unermüdlich hin und schreckt nicht einmal vor der einfachsten Arbeit zurück.

Jedoch verbindet Johannes diese Notwendigkeit, Liebe mit Taten zu belegen, mit einem eindringlichen Aufruf „in Wahrheit“ zu lieben (Vers 18). Damit meint er zunächst nicht, dass die Liebe offen und einer Prüfung auf Wahrheit standhalten muss. Das Wort „Wahrheit“ weist für ihn auf das hin, was Gott selbst von sich gezeigt hat und wie Jesus uns gezeigt hat, was Liebe ist (Vers 16).

Auch wenn wir alle eine Vorstellung von Liebe haben und danach streben, wissen wir nicht, was Liebe ist. Was wir Liebe nennen, ist nicht immer Liebe. Wie müssen erst entdecken, was alles in dem Wort steckt. Dazu müssen wir auf das Beispiel Jesus schauen, der sich selbst nie über seine Brüder gestellt hat und nicht gezögert hat, sein Leben hinzugeben. Die Wahrheit unserer Liebe lässt sich nicht nach rein menschlichen und psychologischen Kriterien beurteilen. Sie besteht in dem, was Jesus uns zu sehen und zu verstehen gibt.

Die Stelle könnte so zusammengefasst werden: zu lieben heißt, das Leben und die Wahrheit zu wählen. Falls diese Worte nicht mehr die volle und tiefe Bedeutung haben, die sie für Johannes hatten, können wir sie wieder anziehend machen, indem wir ihnen ihre Frische und Weite wiedergeben, die Jesus uns offenbart hat.

01
Wenn es für Christen eine Pflicht gibt, zu lieben, ein Gebot, wie können wir uns dann mehr und mehr von der Gewissheit durchdringen lassen, dass nichts schöner ist als zu lieben, weil die Liebe den Tod besiegt?
02
Wie können wir unsere Liebe zu den Anderen in unserem Leben noch tiefere Wurzeln schlagen lassen? Wie können wir sie an der Wahrheit des Evangeliums ausrichten?

... der vergangenen Monate:

Avril 2026

Das Geheimnis von Ostern

Johannes 12,20–33

Auch einige Griechen waren zum Fest nach Jerusalem gekommen. Sie traten an Philippus heran, der aus Betsaida in Galiläa stammte, und sagten zu ihm: „Herr, wir möchten Jesus sehen.“ Philippus ging und sagte es Andreas; Andreas und Philippus gingen und sagten es Jesus. Jesus aber antwortete ihnen: „Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht wird. Amen, amen, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht. Wer an seinem Leben hängt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es bewahren bis ins ewige Leben. Wenn einer mir dienen will, folge er mir nach; und wo ich bin, dort wird auch mein Diener sein. Wenn einer mir dient, wird der Vater ihn ehren. Jetzt ist meine Seele erschüttert. Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen. Vater, verherrliche deinen Namen!“ Da kam eine Stimme vom Himmel: „Ich habe ihn schon verherrlicht und werde ihn wieder verherrlichen.“ Die Menge, die dabeistand und das hörte, sagte: „Es hat gedonnert.“ Andere sagten: „Ein Engel hat zu ihm geredet.“ Jesus antwortete und sagte: „Nicht mir galt diese Stimme, sondern euch. Jetzt wird Gericht gehalten über diese Welt; jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden. Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen.“ Das sagte er, um anzudeuten, auf welche Weise er sterben werde.

Januar 2026

„Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht ...“

Johannes 4,5–15

Jesus kam zu einem Ort in Samarien, der Sychar hieß und nahe bei dem Grundstück lag, das Jakob seinem Sohn Josef vermacht hatte. Dort befand sich der Jakobsbrunnen. Jesus war müde von der Reise und setzte sich daher an den Brunnen; es war um die sechste Stunde. Da kam eine samaritische Frau, um Wasser zu schöpfen. Jesus sagte zu ihr: „Gib mir zu trinken!“ Seine Jünger waren nämlich in den Ort gegangen, um etwas zum Essen zu kaufen. Die samaritische Frau sagte zu ihm: „Wie kannst du als Jude mich, eine Samariterin, um Wasser bitten?“ (Die Juden verkehren nämlich nicht mit den Samaritern.) Jesus antwortete ihr: „Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der zu dir sagt: ‚Gib mir zu trinken!’, dann hättest du ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.“ Sie sagte zu ihm: „Herr, du hast kein Schöpfgefäß, und der Brunnen ist tief; woher hast du also das lebendige Wasser? Bist du etwa größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gegeben und selbst daraus getrunken hat, wie seine Söhne und seine Herden?“ Jesus antwortete ihr: „Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.“ Da sagte die Frau zu ihm: „Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hierherkommen muss, um Wasser zu schöpfen.“

November 2025

Unseren Weg finden

1 Samuel 3,1-10

Der junge Samuel versah den Dienst des Herrn unter der Aufsicht Elis. In jenen Tagen waren Worte des Herrn selten; Visionen waren nicht häufig. Eines Tages geschah es: Eli schlief auf seinem Platz; seine Augen waren schwach geworden, und er konnte nicht mehr sehen. Die Lampe Gottes war noch nicht erloschen, und Samuel schlief im Tempel des Herrn, wo die Lade Gottes stand. Da rief der Herr den Samuel, und Samuel antwortete: „Hier bin ich.“ Dann lief er zu Eli und sagte: „Hier bin ich, du hast mich gerufen.“ Eli erwiderte: „Ich habe dich nicht gerufen. Geh wieder schlafen!“ Da ging er und legte sich wieder schlafen. Der Herr rief noch einmal: „Samuel!“ Samuel stand auf und ging zu Eli und sagte: „Hier bin ich, du hast mich gerufen.“ Eli erwiderte: „Ich habe dich nicht gerufen, mein Sohn. Geh wieder schlafen!“ Samuel kannte den Herrn noch nicht, und das Wort des Herrn war ihm noch nicht offenbart worden. Da rief der Herr den Samuel wieder, zum dritten Mal. Er stand auf und ging zu Eli und sagte: „Hier bin ich, du hast mich gerufen.“ Da merkte Eli, dass der Herr den Knaben gerufen hatte. Eli sagte zu Samuel: „Geh, leg dich schlafen! Wenn er dich (wieder) ruft, dann antworte: 'Rede, Herr; denn dein Diener hört.'“ Samuel ging und legte sich an seinem Platz nieder. Da kam der Herr, trat (zu ihm) heran und rief wie die vorigen Male: „Samuel, Samuel!“ Und Samuel antwortete: „Rede, denn dein Diener hört.“