Gedanken zur
Bibel
Einen Weg der Hoffnung öffnen
Jesaja 61,1–3aStellen Sie sich vor, Sie kehren nach fast siebzig Jahren Exil in Ihre Heimat zurück und finden dort nichts als Verwüstung vor. Ihre Eltern oder Großeltern hatten die Erinnerung an das Land und die heilige Stadt, die das Herzstück des Lebens Ihrer Nation war, wachgehalten. Als Sie ankommen, entspricht nichts den Erwartungen. Alles ist Ausdruck von Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit.
Das ist der Hintergrund dieser ersten Verse von Jesaja 61. Als das Volk aus dem Exil zurückkehrt, findet es sein Land und seine Stadt in Trümmern vor, und ist auch selbst scheinbar für immer von seinen Erfahrungen gezeichnet. Die Worte, die wir lesen, zeigen jedoch die Berufung eines Propheten. Der Prophet ist dazu da, die Situation mit all ihrer Komplexität anzuerkennen, aber gleichzeitig auch einen Weg der Hoffnung aufzutun.
Doch wo liegt die Quelle dieser Hoffnung? – Sie kommt aus dem Vertrauen des Propheten, dass Gott durch seinen Geist gegenwärtig ist. Die Gabe des Geistes ist kein persönlicher Besitz, nicht nur irgendeine Form von individuellem Trost. Der Geist führt uns in eine Partnerschaft mit Gott und mit anderen zum Wohle aller.
Wenn wir die Gegenwart des Geistes in unserem Leben annehmen, werden wir in das Leben geführt, das Gott für die Menschheit und die gesamte Schöpfung will. Hoffnung in diesem Sinne ist nicht etwas rein Intellektuelles oder Innerliches; sie treibt uns zum Handeln an, wenn wir uns vom Geist formen lassen.
Was ist die gute Nachricht, die der Prophet hier zu verkünden hat? Sie besteht vor allem darin, denen nahe zu sein, die unterdrückt sind, die immer noch gefangen sind, deren Herzen zerbrochen sind und verwundet durch all das Erlebte. In gewisser Weise sind es diese ausgegrenzten und verletzlichen Menschen, die zu Faktoren des Wandels und des Wiederaufbaus werden, die eine Krone der Schönheit und das Öl der Freude erhalten, wie der Prophet auf poetische Weise ihre Verwandlung beschreibt.
Der Prophet lebt aus der Gewissheit, dass das Leid nicht das letzte Wort haben wird. Gott wird sich wieder gnädig zeigen. Der „Tag der Rache unseres Gottes“ kann auch als „Tag der Rechtfertigung“ übersetzt werden. Was Gott versprochen hat, wird eintreten. Und diese Verheißung ist in erster Linie eine Verheißung des Trostes und der Verwandlung.
An wen könnte dieser Text heute gerichtet sein? – Wir können an Menschen denken, die durch Krieg oder Verfolgung vertrieben wurden, an diejenigen, die ein besseres Leben für ihre Familien suchen, aber nur auf Hindernisse stoßen, an Missbrauchsopfer, die die Wunden dessen, was sie erlebt haben, Tag für Tag an ihrem Körper tragen.
Was bedeutet es für uns, ihnen nahe zu sein? – Zunächst einmal bedeutet es, sich daran zu erinnern, dass der Geist Gottes handelt. Der Geist macht frei, achtet aber auch die Freiheit jedes einzelnen Menschen. Und was benötigt ein Mensch, der leidet? Er müsste es aussprechen und wir müssen zuhören und entsprechend handeln. Das kann bedeuten, dass wir es hinnehmen müssen, in dieser Situation nicht helfen zu können. Aber manchmal kann ein treues, selbstloses Dasein das Vertrauen wachsen lassen; vielleicht kann es mit der Zeit sogar die Wunden heilen und zu einer neuen Freiheit führen, zum Mut, das Zerstörte wieder mit aufzubauen.
Die Berufung des Propheten, wie sie hier beschrieben wird, fasst die Aufgabe eines Dieners Gottes in jeder Epoche kurz und bündig zusammen. Sind wir bereit, uns diese Worte des Propheten Jesaja zu Herzen zu nehmen? Jesus hatte sie sich zum Leitfaden seines Lebens gemacht (vgl. Lukas 4,17–19).