Gedanken zur
Bibel

September 2017

Einheit in Verschiedenheit

1 Korinther 12,4–11
Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber nur den einen Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber nur den einen Herrn. Es gibt verschiedene Kräfte, die wirken, aber nur den einen Gott: Er bewirkt alles in allen. Jedem aber wird die Offenbarung des Geistes geschenkt, damit sie anderen nützt. Dem einen wird vom Geist die Gabe geschenkt, Weisheit mitzuteilen, dem andern durch den gleichen Geist die Gabe, Erkenntnis zu vermitteln, dem dritten im gleichen Geist Glaubenskraft, einem andern – immer in dem einen Geist – die Gabe, Krankheiten zu heilen, einem andern Wunderkräfte, einem andern prophetisches Reden, einem andern die Fähigkeit, die Geister zu unterscheiden, wieder einem andern verschiedene Arten von Zungenrede, einem andern schließlich die Gabe, sie zu deuten. Das alles bewirkt ein und derselbe Geist; einem jeden teilt er seine besondere Gabe zu, wie er will.

In diesem Text spricht Paulus von der Verschiedenheit der geistlichen Gaben, die den Korinthern geschenkt wurden. Wenn wir die Briefe des Apostels Paulus lesen, sollten wir nicht vergessen, dass sie an einen bestimmten Personenkreis in einer konkreten Situation gerichtet waren. In diesem Fall ging es um moralische Fragen und Spaltungen in der Gemeinde von Korinth.

Paulus übergeht in seinem Brief an die Korinther die Missstände nicht, die in der von ihm gegründeten Gemeinde herrschten: Er wirft den Korinthern vor, in verschiedene Gruppen gespalten zu sein, von denen sich jede den anderen überlegen fühlt. Dennoch nennt er sie seine „geliebten Kinder“ und dankt am Anfang seines Briefes sogar „für die Gnade Gottes, die (ihnen) in Christus Jesus geschenkt wurde“. (1,4)

Wie kann Paulus so positiv von einer Gemeinde sprechen, in der so vieles aus dem Ruder läuft? Wie kann er sie dennoch als „Leib Christi“ bezeichnen, als „Kirche Gottes“? Er kann es nur deswegen, weil er überzeugt ist, dass – trotz all ihrer Unvollkommenheit – der Heilige Geist unter ihnen gegenwärtig ist. Wir erkennen die Gegenwart des Geistes für gewöhnlich im Guten und Schönen. Aber machen wir uns auch genügend bewusst, dass der Geist im Unvollkommenen am Werk ist? Auch in unserem Leben, mit all seinem Durcheinander und seiner Zwiespältigkeit, ist er am Werk.

Es klingt sehr schön: Gott verleiht jedem Menschen seine Gaben. Aber das bedeutet auch, dass wir damit leben müssen, dass wir selbst nicht alle Gaben erhalten haben und uns diese nicht auf Abruf zur Verfügung stehen. Gott hat uns bestimmte Gaben anvertraut; andere haben, was uns fehlt. Anstatt enttäuscht zu sein, sollten wir uns vielmehr aufgefordert fühlen, in Gemeinschaft zu leben.

Paulus möchte, dass sich die Christen in Korinth bewusst machen, warum sie diese Gaben erhalten haben. Wir haben unsere Gaben nicht nur, um selbst besser dazustehen, sondern um sie mit anderen zusammenzulegen und damit Christus und seiner Kirche zu dienen. Ja, so sehr ich mich auch bemühe, fehlt mir vieles. Aber ich lebe mit anderen Glaubenden zusammen und brauche nicht alles selbst zu besitzen. Wichtig ist, dass die Kirche als Ganze die Fülle der Gnade Gottes besitzt.

Daraus folgt zweierlei: Zum einen, dass wir „zusammenleben sollen, damit sich die Dynamik des Evangeliums entfalten kann“, wie Frère Alois es im dritten Vorschlag für das Jahr 2017 formuliert. Denn nur gemeinsam bekommen die Gaben des Heiligen Geistes ihre volle Bedeutung.

Als Zweites folgt daraus: Wir müssen in der Gemeinschaft der Kirche unsere Einheit in der Verschiedenheit leben. Dass jemand seinen Glauben nicht genau so wie ich praktiziert, bedeutet noch nicht, dass er irrt. Wir müssen diejenigen respektieren, die anders denken als die Mehrheit: In der Geschichte der Kirche war es oft eine Minderheit, manchmal waren es sogar nur einige Wenige, die verstanden haben, wohin der Geist die Kirche führt. Die Kirche ist eigentlich nur dann sie selbst, wenn sie auf die unterschiedlichen Stimmen hört.

Diese Haltung hat nichts mit Relativismus zu tun! Sie bedeutet nicht, dass in der Kirche jeder im Namen der Verschiedenheit seine eigene Wahrheit hat. Paulus besteht darauf, dass ein und derselbe Geist allen seine Gaben zuteilt, derselbe Herr und Gott. Wenn wir uns von ihm zusammenführen lassen, können wir entdecken, welch unterschiedliche Gaben er schenkt. Und wenn wir diese Verschiedenheit in unserer eigenen Kirche schützen und die Gaben des Heiligen Geistes in den anderen Kirchen erkennen, kommen wir der sichtbaren Gemeinschaft all derer näher, die Christus lieben.

01
Wünsche ich mir manchmal die Gaben der anderen? Weiß ich eigentlich, welche Gaben und Talente ich habe? Wie kann ich sie in den Dienst der anderen stellen und nicht versuchen, in ihnen einen Grund zur Selbstbestätigung sehen?
02
Wie können unsere Gemeinden und Gemeinschaften noch mehr zu Orten der Einheit in Vielfalt werden, wo die Gaben jedes Einzelnen zum Tragen kommen? Ist es möglich, die Einheit zu bewahren und gleichzeitig unsere verschiedenen Standpunkte anzuerkennen?

... der vergangenen Monate:

Januar 2026

„Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht ...“

Johannes 4,5–15

Jesus kam zu einem Ort in Samarien, der Sychar hieß und nahe bei dem Grundstück lag, das Jakob seinem Sohn Josef vermacht hatte. Dort befand sich der Jakobsbrunnen. Jesus war müde von der Reise und setzte sich daher an den Brunnen; es war um die sechste Stunde. Da kam eine samaritische Frau, um Wasser zu schöpfen. Jesus sagte zu ihr: „Gib mir zu trinken!“ Seine Jünger waren nämlich in den Ort gegangen, um etwas zum Essen zu kaufen. Die samaritische Frau sagte zu ihm: „Wie kannst du als Jude mich, eine Samariterin, um Wasser bitten?“ (Die Juden verkehren nämlich nicht mit den Samaritern.) Jesus antwortete ihr: „Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der zu dir sagt: ‚Gib mir zu trinken!’, dann hättest du ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.“ Sie sagte zu ihm: „Herr, du hast kein Schöpfgefäß, und der Brunnen ist tief; woher hast du also das lebendige Wasser? Bist du etwa größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gegeben und selbst daraus getrunken hat, wie seine Söhne und seine Herden?“ Jesus antwortete ihr: „Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.“ Da sagte die Frau zu ihm: „Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hierherkommen muss, um Wasser zu schöpfen.“

November 2025

Unseren Weg finden

1 Samuel 3,1-10

Der junge Samuel versah den Dienst des Herrn unter der Aufsicht Elis. In jenen Tagen waren Worte des Herrn selten; Visionen waren nicht häufig. Eines Tages geschah es: Eli schlief auf seinem Platz; seine Augen waren schwach geworden, und er konnte nicht mehr sehen. Die Lampe Gottes war noch nicht erloschen, und Samuel schlief im Tempel des Herrn, wo die Lade Gottes stand. Da rief der Herr den Samuel, und Samuel antwortete: „Hier bin ich.“ Dann lief er zu Eli und sagte: „Hier bin ich, du hast mich gerufen.“ Eli erwiderte: „Ich habe dich nicht gerufen. Geh wieder schlafen!“ Da ging er und legte sich wieder schlafen. Der Herr rief noch einmal: „Samuel!“ Samuel stand auf und ging zu Eli und sagte: „Hier bin ich, du hast mich gerufen.“ Eli erwiderte: „Ich habe dich nicht gerufen, mein Sohn. Geh wieder schlafen!“ Samuel kannte den Herrn noch nicht, und das Wort des Herrn war ihm noch nicht offenbart worden. Da rief der Herr den Samuel wieder, zum dritten Mal. Er stand auf und ging zu Eli und sagte: „Hier bin ich, du hast mich gerufen.“ Da merkte Eli, dass der Herr den Knaben gerufen hatte. Eli sagte zu Samuel: „Geh, leg dich schlafen! Wenn er dich (wieder) ruft, dann antworte: 'Rede, Herr; denn dein Diener hört.'“ Samuel ging und legte sich an seinem Platz nieder. Da kam der Herr, trat (zu ihm) heran und rief wie die vorigen Male: „Samuel, Samuel!“ Und Samuel antwortete: „Rede, denn dein Diener hört.“