Gedanken zur
Bibel
Einheit in Verschiedenheit
1 Korinther 12,4–11In diesem Text spricht Paulus von der Verschiedenheit der geistlichen Gaben, die den Korinthern geschenkt wurden. Wenn wir die Briefe des Apostels Paulus lesen, sollten wir nicht vergessen, dass sie an einen bestimmten Personenkreis in einer konkreten Situation gerichtet waren. In diesem Fall ging es um moralische Fragen und Spaltungen in der Gemeinde von Korinth.
Paulus übergeht in seinem Brief an die Korinther die Missstände nicht, die in der von ihm gegründeten Gemeinde herrschten: Er wirft den Korinthern vor, in verschiedene Gruppen gespalten zu sein, von denen sich jede den anderen überlegen fühlt. Dennoch nennt er sie seine „geliebten Kinder“ und dankt am Anfang seines Briefes sogar „für die Gnade Gottes, die (ihnen) in Christus Jesus geschenkt wurde“. (1,4)
Wie kann Paulus so positiv von einer Gemeinde sprechen, in der so vieles aus dem Ruder läuft? Wie kann er sie dennoch als „Leib Christi“ bezeichnen, als „Kirche Gottes“? Er kann es nur deswegen, weil er überzeugt ist, dass – trotz all ihrer Unvollkommenheit – der Heilige Geist unter ihnen gegenwärtig ist. Wir erkennen die Gegenwart des Geistes für gewöhnlich im Guten und Schönen. Aber machen wir uns auch genügend bewusst, dass der Geist im Unvollkommenen am Werk ist? Auch in unserem Leben, mit all seinem Durcheinander und seiner Zwiespältigkeit, ist er am Werk.
Es klingt sehr schön: Gott verleiht jedem Menschen seine Gaben. Aber das bedeutet auch, dass wir damit leben müssen, dass wir selbst nicht alle Gaben erhalten haben und uns diese nicht auf Abruf zur Verfügung stehen. Gott hat uns bestimmte Gaben anvertraut; andere haben, was uns fehlt. Anstatt enttäuscht zu sein, sollten wir uns vielmehr aufgefordert fühlen, in Gemeinschaft zu leben.
Paulus möchte, dass sich die Christen in Korinth bewusst machen, warum sie diese Gaben erhalten haben. Wir haben unsere Gaben nicht nur, um selbst besser dazustehen, sondern um sie mit anderen zusammenzulegen und damit Christus und seiner Kirche zu dienen. Ja, so sehr ich mich auch bemühe, fehlt mir vieles. Aber ich lebe mit anderen Glaubenden zusammen und brauche nicht alles selbst zu besitzen. Wichtig ist, dass die Kirche als Ganze die Fülle der Gnade Gottes besitzt.
Daraus folgt zweierlei: Zum einen, dass wir „zusammenleben sollen, damit sich die Dynamik des Evangeliums entfalten kann“, wie Frère Alois es im dritten Vorschlag für das Jahr 2017 formuliert. Denn nur gemeinsam bekommen die Gaben des Heiligen Geistes ihre volle Bedeutung.
Als Zweites folgt daraus: Wir müssen in der Gemeinschaft der Kirche unsere Einheit in der Verschiedenheit leben. Dass jemand seinen Glauben nicht genau so wie ich praktiziert, bedeutet noch nicht, dass er irrt. Wir müssen diejenigen respektieren, die anders denken als die Mehrheit: In der Geschichte der Kirche war es oft eine Minderheit, manchmal waren es sogar nur einige Wenige, die verstanden haben, wohin der Geist die Kirche führt. Die Kirche ist eigentlich nur dann sie selbst, wenn sie auf die unterschiedlichen Stimmen hört.
Diese Haltung hat nichts mit Relativismus zu tun! Sie bedeutet nicht, dass in der Kirche jeder im Namen der Verschiedenheit seine eigene Wahrheit hat. Paulus besteht darauf, dass ein und derselbe Geist allen seine Gaben zuteilt, derselbe Herr und Gott. Wenn wir uns von ihm zusammenführen lassen, können wir entdecken, welch unterschiedliche Gaben er schenkt. Und wenn wir diese Verschiedenheit in unserer eigenen Kirche schützen und die Gaben des Heiligen Geistes in den anderen Kirchen erkennen, kommen wir der sichtbaren Gemeinschaft all derer näher, die Christus lieben.