TAIZÉ

Für diesen Monat

Gedanken zur Bibel

 
Mit den „Gedanken zur Bibel“ kann man mitten im Alltag, allein oder mit anderen, Gott suchen. Jeder nimmt sich mit dem vorgeschlagenen Text, dem Kommentar und den Fragen eine Zeit der Stille. Danach treffen sich alle zum Austausch. Davor oder danach kann ein gemeinsames Gebet stehen.

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2022

Dezember

Markus 10,46–52: Sich bereit machen, zu empfangen
Als Jesus mit seinen Jüngern und einer großen Menschenmenge Jericho verließ, saß an der Straße ein blinder Bettler, Bartimäus, der Sohn des Timäus. Sobald er hörte, dass es Jesus von Nazaret war, rief er laut: „Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!“ Viele wurden ärgerlich und befahlen ihm zu schweigen. Er aber schrie noch viel lauter: „Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“ Jesus blieb stehen und sagte: „Ruft ihn her!“ Sie riefen den Blinden und sagten zu ihm: „Hab nur Mut, steh auf, er ruft dich.“ Da warf er seinen Mantel weg, sprang auf und lief auf Jesus zu. Und Jesus fragte ihn: „Was soll ich dir tun?“ Der Blinde antwortete: „Rabbuni, ich möchte wieder sehen können.“ Da sagte Jesus zu ihm: „Geh! Dein Glaube hat dir geholfen.“ Im gleichen Augenblick konnte er wieder sehen, und er folgte Jesus auf seinem Weg. (Markus 10,46–52)

Das Markusevangelium berichtet von einer Begegnung Jesu mit einem Blinden namens Bartimäus. Zur damaligen Zeit bedeutete blind zu sein, nicht zu arbeiten und kein Geld verdienen zu können. Bartimäus sitzt am Straßenrand und muss betteln. Sein Leben hängt von den Gaben anderer ab. Natürlich ist das Elend dieses Mannes nichts Gutes, aber es bedeutet mehr als nur eine negative Abhängigkeit.

Erstens, der Schrei des Bartimäus: „Sohn Davids, Jesus, hab Erbarmen mit mir!“, ist der Schrei eines Menschen, dem etwas fehlt und der sich dessen bewusst ist. Mit seinem Ruf gibt Bartimäus zu, dass er auf andere angewiesen ist, er bedarf der Barmherzigkeit. Es erfordert Mut und Demut zuzugeben, dass wir nicht allein zurechtkommen, dass wir nicht allmächtig sind.

Zweitens, die Frage Jesu: „Was soll ich dir tun?“ – Ist es nicht offensichtlich, was ein Blinder von Jesus erwartet? Warum fragt Jesus also? Indem er Bartimäus fragt, achtet er dessen Freiheit. Jesus drängt sich Bartimäus nicht auf. Er behandelt Bartimäus als jemanden, der für sich selbst sprechen kann, und er reduziert Bartimäus nicht auf einen Gegenstand, der „repariert"“ werden muss. Die Frage Jesu stößt einen Dialog an und öffnet eine Beziehung.

Aber es geht um mehr: Ich frage mich, ob Bartimäus hätte geheilt werden können, wenn er nicht ausdrücklich darum gebeten hätte. Macht nicht die Bitte das Empfangen erst möglich? Vielleicht bringt Bartimäus auch das Aussprechen seines Wunsches ins Bewusstsein, was er bereits erhalten hat. Jesus weiß, worunter Bartimäus leidet. Doch Bartimäus kann auf diese Weise seinen tiefsten Wunsch aussprechen und sein Vertrauen bekunden, dass Jesus ihn tatsächlich heilen kann. Bartimäus wird durch seinen Glauben geheilt, nicht durch außergewöhnliche medizinische Fähigkeiten Jesu. Der Glaube ist eine Beziehung, und indem Jesus Bartimäus fragt, was er sich wünscht, öffnet er den Raum für diese Beziehung.

Manchmal ist es uns unangenehm, Gott um etwas zu bitten, vor allem für einen selbst. Sollten wir also nicht daran denken, dass das, was wir empfangen, stets für uns und auch für andere ist, und dass wir damit Gott dienen. Empfangen hat nichts mit Egoismus zu tun. Unser Bitten zwingt Gott nicht, etwas zu geben, sondern es ist ein Akt des Glaubens. Es macht uns bereit, das anzunehmen, was Gott für uns vorbereitet hat und was er uns bereits gibt.

„Was soll ich dir tun?“ – Diese Frage ist eine Einladung herauszufinden, wonach ich mich am meisten sehne, und Gott darum zu bitten. Sie enthält auch die Verheißung, dass wir etwas empfangen, ob wir es merken oder nicht, denn Gott kann nur geben.

- In welcher Situation erlebe ich, dass es Freude macht, zu empfangen?

- Welche „Gabe“ habe ich empfangen und wie kann ich sie mit anderen teilen? Welche Gaben erkenne ich in anderen, die ich gerne von ihnen erhalten würde?

- „Erst das Bitten um etwas macht das Empfangen möglich.“– „Gott zu bitten, etwas für mich zu tun, ist nicht egoistisch, sondern ein Akt des Glaubens.“ – Stimme ich dem zu? Warum, oder warum nicht?



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Letzte Aktualisierung: 1. Dezember 2022