TAIZÉ

Für diesen Monat

Gedanken zur Bibel

 
Mit den „Gedanken zur Bibel“ kann man mitten im Alltag, allein oder mit anderen, Gott suchen. Jeder nimmt sich mit dem vorgeschlagenen Text, dem Kommentar und den Fragen eine Zeit der Stille. Danach treffen sich alle zum Austausch. Davor oder danach kann ein gemeinsames Gebet stehen.

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2023

Januar

Matthäus 15,21–28: Alle willkommen heißen
Jesus zog sich in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück. Da kam eine kanaanäische Frau aus jener Gegend zu ihm und rief: „Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält.“ Jesus aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: „Befrei sie (von ihrer Sorge), denn sie schreit hinter uns her.“ Er antwortete: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.“ Doch die Frau kam, fiel vor ihm nieder und sagte: „Herr, hilf mir!“ Er erwiderte: „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen.“ Da entgegnete sie: „Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“ Darauf antwortete ihr Jesus: „Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen.“ Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt. (Matthäus 15,21–28)

Diese Geschichte klingt sehr ungewöhnlich: Wir stellen uns Jesus im Allgemeinen als einen liebevollen und sanften Menschen vor, der viele Kranke heilt und Erbarmen mit Menschen in Schwierigkeiten hat. Doch hier verhält sich Jesus ganz anders: Eine Mutter bittet ihn, ihre Tochter zu heilen, aber Jesus bleibt stumm. Und was Jesus kurz darauf sagt, klingt skandalös. Reagiert Jesus so, weil die Frau eine Heidin ist? Ist Jesus etwa fremdenfeindlich? Oder gar Rassist? Die Antwort ist eindeutig: Jesus ist weder das eine noch das andere! In Kapitel 8 des Markusevangeliums wird von einem römischen Hauptmann berichtet, ebenfalls ein Heide, der Jesus bittet, seinen Diener zu heilen. Jesus weigert sich nicht, diesen zu heilen, sondern möchte sogar persönlich zu ihm ins Haus kommen.

Dies unterstreicht die Dynamik des gesamten Matthäusevangeliums zum Thema „Nationalismus“. Im Matthäusevangelium, dem jüdischsten aller vier Evangelien, betont Jesus mehrmals, dass er „zu den verlorenen Schafen [des Hauses] Israel“ gesandt ist (Matthäus 15,24 und 10,5–6). Doch parallel dazu geht es ständig um die Einbeziehung der Heiden: Bereits im Stammbaum Jesu (Matthäus 1,3–6) werden Nichtjuden erwähnt; nach der Geburt Jesu kommen „Sterndeuter“ aus dem Osten (Matthäus 2,1–12); später, mit dem öffentlichen Auftreten Jesu, geht im „heidnischen Galiläa“ ein helles Licht auf (Matthäus 4,15) und die erste Zeit spielt sich in „Syrien“ ab sowie in der weitgehend heidnischen Dekapolis (Matthäus 4,24–25). Der Verfasser des Matthäusevangeliums scheint die Judenchristen von ihrem exklusiven Denken abbringen zu wollen. Er will zeigen, dass das Heil nicht nur den Israeliten, sondern auch den anderen Völkern zuteilwird. Deshalb muss das Evangelium allen Völkern verkündigt werden (Matthäus 28,19–20).

In Vers 28 des heutigen Textes sagt Jesus zu der kanaanäischen Frau: „Frau, dein Glaube ist groß!“ – Wir sollen also der kanaanäischen Frau zuhören; sie ist uns ein Vorbild im Glauben. Glaube“ bedeutet nicht nur, „eine Religion zu haben“ oder bestimmte Vorstellungen von Gott zu vertreten. Hier ist der Glaube in erster Linie ein persönliches Vertrauen auf Jesus, das in der Demut wurzelt. Diese Frau überwindet die Demütigungen mit „Demut“: Mit Demut erträgt sie, was ihr auferlegt ist, und mit Demut ist sie sogar in der Lage, in einem kritischen Moment eine schlagfertige Antwort zu geben: „Ja, Herr, aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen.“

Demut ist also ein Zeichen wahren Glaubens. Je mehr wir an Gott glauben, desto demütiger werden wir. Auch wir können von Jesus Demut lernen. Einen positiven Aspekt in dieser Geschichte übersehen wir oft: Die Haltung Jesu ändert sich am Ende! Zunächst scheint Jesus der Frau nur widerwillig zu helfen, aber allmählich beginnt er, ihr zuzuhören und ist bereit zu helfen. Mehr noch: Jesus spricht der kanaanäischen Frau am Ende große Wertschätzung aus. Jesus will nicht immer Recht behalten. Er ist bereit, auf Menschen zu hören, die anders sind als er.

So ermutigt diese Geschichte zum Dialog mit anderen, die anders sind als wir – auch wenn das nicht immer leicht ist. Im Dialog begegnen wir anderen in Demut und machen uns bereit, ihnen so zuzuhören, wie sie sind. Dialog wird zu einem Austausch: um sich gegenseitig besser zu verstehen, aber auch, um unseren Glauben zu vertiefen.

- Warum handelt Jesus so, wie er es in dieser Geschichte tut? Was veranlasst ihn, seine Haltung zu ändern?

- Welche Vorurteile gibt es in mir und in der Gesellschaft, zu der ich gehöre? Was sind die Folgen?

- Was bedeutet Demut für mich? Was ist der Unterschied zwischen Demut und Demütigung?



Weitere Bibelstellen:

Letzte Aktualisierung: 1. Januar 2023